ChronikDie Geschichte des "Jasmin"

Der Skandal um das frühere Minderjährigenbordell in Leipzig ist ein wichtiger Teil der Ermittlungen im sogenannten "Sachsensumpf". Bis heute blieb vieles im Dunkeln von Thomas Datt Arndt Ginzel

1992 –  Im Leipziger Stadtteil Lindenau  betreibt der Ex-Boxer Michael W. das Minderjährigenbordell "Jasmin". Acht junge Frauen im Alter von 13 bis 19 Jahre lässt er für sich anschaffen.

Ende Januar 1993 –  Polizisten stürmen das "Jasmin" und verhaften den Bordellbetreiber. Ein Jahr später wird ihm der Prozess gemacht. Richter Jürgen N. verurteilt Michael W. zu vier Jahren Haft.  Für die Freier des Minderjährigenbordells interessiert sich niemand – weder nach der Auflösung des "Jasmin" noch bei der Gerichtsverhandlung gegen den Zuhälter.

Oktober 1994 – Ein Manager der Leipziger Wohnungsbaugesellschaft (LWB), Martin K., wird angeschossen und schwer verletzt. Bereits wenige Monate später sind die vier Täter aus dem kleinkriminellen Milieu ermittelt. Drei von ihnen werden zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Offen bleibt, wer den Auftrag zu dem Attentat erteilt hat.

1999 – 2000 – Der von dem OK-Ermittler Georg Wehling geleiteten Ermittlungsgruppe gelingt es, zwei Immobilienmakler aus dem Allgäu als Auftraggeber zu überführen. Tatmotiv war der Streit um den Verkauf eines im LWB-Besitz befindlichen Hauses ("Klockzin"). Bei den Ermittlungen stoßen die Ermittler auf Verbindungen zu dem 1993 aufgeflogenen Bordell "Jasmin". So sollen die aus dem Allgäu stammenden Männer gedroht haben, über die "Kinderfickerei" auszupacken. Zudem offenbarte der einstige Bordellbetreiber bei einer späteren Zeugenbefragung, er habe das milde Urteil von vier Jahren Haft nur deshalb erhalten, weil er im Prozess keine Freier nannte. Wehling leitet gegen Richter N., der die Verhandlung leitete, Ermittlungen wegen Rechtsbeugung ein.

Nachdem Michael W. drei mutmaßliche "Jasmin"-Freier benannt hat - das Attentatsopfer und die Hintermänner des Anschlags – befragen im Sommer 2000 Polizisten ehemalige "Jasmin"-Mädchen. Sie legen ihnen Lichtbilder möglicher Kunden vor.

Herbst 2000 - Das Ermittlungsverfahren gegen Richter N. wird eingestellt. Der Jurist legt Dienstaufsichtsbeschwerde u.a. gegen Wehling ein.

Oktober 2002 – Beamte des Sächsischen Landeskriminalamts durchsuchen das von Georg W. geführte Referat 26. Die Abteilung wird aufgelöst. Keines der neun gegen den Polizisten gerichteten Dienst- und Ermittlungsverfahren führt zu einer Verurteilung oder Disziplinarstrafe.

2004 – Der Prozess gegen die mutmaßlichen Auftraggeber des "Klockzin"-Anschlags wird gegen Auflagen eingestellt. Die Immobilienmakler aus dem Allgäu müssen eine Geldspende von 2500 Euro an den Weißen Ring zahlen.

2003 bis Mai 2006 – Die sächsische Landesregierung beauftragt den Verfassungsschutz mit der Beobachtung der Organisierten Kriminalität im Freistaat. Zuständig für den Geheimdienst war der damalige Landesinnenminister und heutige Kanzleramtschef Thomas de Maizière (CDU). Unter dem Decknamen GEMAG führt der Verfassungsschutz mehrere Quellen, darunter auch den Leipziger Polizisten Wehling. Von ihm sollen Informationen über mutmaßliche Verstrickungen von Richtern und Staatsanwälten in das Leipziger Rotlichtmilieu stammen.

Mai 2007 – Auszüge aus den 15.000 Aktenseiten des Verfassungsschutzes werden öffentlich. In den Unterlagen wird auf die Befragung der "Jasmin"-Mädchen im Jahr 2000 hingewiesen. Unter anderem sollen sie damals "mindestens" den Richter N. und den Manager der Leipziger Wohnungsbaugesellschaft als Freier identifiziert haben.

Juni 2007 – Januar 2008 - Journalisten gehen den Verfassungsschutzinformationen über das Leipziger Minderjährigenbordell nach. Sie treffen Zeugen, darunter auch Frauen, die im "Jasmin" anschaffen mussten. Drei Frauen identifizieren u.a. den ehemaligen Richter, zwei einen ehemaligen Staatsanwalt als Freier und bestätigen damit die in den Verfassungsschutzdokumenten enthaltenen Informationen.

Juli 2007 – Der sächsische Landtag setzt einen Untersuchungsausschuss zum "Sachsensumpf" ein. Da die CDU-geführte Landesregierung die Herausgabe der Geheimdienstakten blockiert, kann der Ausschuss nicht arbeiten. Was an den Vorwürfen des Verfassungsschutzes dran ist, sollen stattdessen neun Staatsanwälte des Landgerichts Dresden ermitteln. Die eingeleiteten Verfahren betreffen den ehemaligen Richter im "Jasmin"-Prozess Jürgen N., einen Ex-Staatsanwalt und heutigen Richter an einem sächsischen Amtsgericht, die beiden Immobilienmakler sowie den Manager der Leipziger Wohnungsbaugesellschaft.

Januar - April 2008 – Die Staatsanwaltschaft Dresden befragt acht ehemalige "Jasmin"-Mädchen. Zwei Frauen belasten den ehemaligen Richter und den langjährigen Staatsanwalt als Kunden des Minderjährigenbordells. Die Juristen bestreiten die Vorwürfe.

Ende April 2008
- Auf einer Pressekonferenz  in Dresden verkünden die Staatsanwälte, dass die Ermittlungsverfahren gegen die beiden Richter und den Manager der Leipziger Wohnungsbaugesellschaft eingestellt sind.

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Leserkommentare
  1. aus dem text lassen sich locker flockig einige namen extrahieren, die schlampig anonymisiert sind.
    besonders lächerlich: "Georg W." -- einige zeilen drüber steht er mit vollem namen ...

  2. Der Bund täte wirklich gut daran die Vorgänge dort gut im Auge zu behalten.     

  3. FREISTAAT SACHSEN,  ein völlige neue Deutungsweise. Wie weiland Belgien, das Land des freien Lebens und der freien Liebe?EUropa, jede ZEIT hat seine ZEIT, nutze Deine zum Segen ALLER!
    Isaac Ben Laurence Weismann

  • Quelle ZEIT online
  • Schlagworte Kriminalität
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