Literaturwettbewerb Der Humor siegt

Beim diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis gab es viel Langeweile und wenig Experimentelles. Aber er zeigte deutlich, wie der Literaturmarkt funktioniert: Das Publikum möchte lachen.

Die Texte durch die Brille des Kritikers: Der Bachmann-Preis brachte in diesem Jahr wenig Neues

Die Texte durch die Brille des Kritikers: Der Bachmann-Preis brachte in diesem Jahr wenig Neues

Als die Kamera die Gesichter derer zeigte, die beim diesjährigen Preislesen leer ausgegangen waren, konnte man nicht nur Enttäuschung in ihnen lesen, sondern auch Wut. Was war passiert? Beim diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis, hatte man auch als Zuschauer das Gefühl, wurde etwas verraten. Manche im Studio schüttelten ihre Köpfe. Nicht Sudabeh Morafez, nicht Ulf Erdmann Ziegler, nicht Dagrun Hintze oder Angelika Reitzer waren mit Preisen bedacht worden, wie mancher vielleicht vorher getippt hätte. In ihren Texten war weit mehr Welthaltigkeit gebündelt und verhandelt worden als in den Gewinner-Texten von Tilman Rammstedt, Markus Orths, Clemens J. Setz und Patrick Findeis.


Gesiegt hat der Humor. Gesiegt hat die Leichtigkeit, der noch etwas Schwere angedichtet wurde, um die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Das ist zwar einerseits begrüßenswert, denn Lachen war in Klagenfurt lange verpönt. Angesichts mancher unprämierter Texte ist dies auch unverständlich. Wer war nicht etwas enttäuscht, weil keiner der Juroren behauptete: „Ich habe gelacht, aber unter meinem Niveau“! Über diesen Satz konnte man immer schmunzeln. Nun ist nicht einmal mehr auf die tradierte Humorfeindlichkeit des Klagenfurter Literaturspektakels Verlass. Aber dieser Lesewettbewerb ist kein Gradmesser für den Zustand und die Qualität der Literatur, sondern ein Teil des Literaturmarkts, ein Außenlager für die Öffentlichkeit, in der diesmal die Regularien des Marktes deutlicher wurden als zuvor.

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Ödnis, Langeweile, weitschweifiges Auswalzen von konventionellen Erzählungen, Novellen und Romananfängen, Alltagssprache in feinsäuberlichen An- und Ausbauten – das erwartete die Zuschauer beim diesjährigen Bachmann-Preis in erster Linie. Was nützt es, wenn Texte zwar handwerklich gut ausgeführt sind, sie aber pure Langeweile verströmen? Formal und inhaltlich interessant erschien neben wenigen anderen der Text Super 8 der Österreicherin Angelika Reitzer. Eine atemlose Erzählung, in der es um die Permeabilität von Innen und Außen geht, die Trennungen zwischen Welten und Körperwänden, um Räume, um den Zustand des Vagen. Einer, den die Jurorin Ursula März „sehr interessant, komplex und zeitgenössisch“ fand und anmerkte: „Das System ‚Erzählung’ entgleisen zu lassen ist Ziel des Textes“. Auch die enthusiastische Rede des Jurors André Vladimir Heiz verpuffte. Heiz hatte die Schriftstellerin eingeladen und den Text als innovativsten der letzten zehn Jahre gelobt. Ein leichtes Raunen der Jury und des Publikums zog durchs ORF-Studio. Diesem mochte sich keiner anschließen. Heiz' Rede war das letzte Aufbäumen im Kampf um etwas Offenes, Komplexes, Experimentelles in den Jury-Diskussionen.


Auch die 1963 in Teheran geborene und in Stuttgart lebende Schriftstellerin Sudabeh Mohafez konnte keinen Preis ergattern. Sie las ihre Geschichte Im roten Meer mit einer Lebendigkeit und Überzeugungskraft, dass einem zum ersten und einzigen Mal bei diesem Wettbewerb das Herz aufging.
Tilman Rammstedt, 33-jährig aus Berlin, gewann mit seinem Der Kaiser von China betitelten Romanauszug den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis. Der Text erzählt von einem Großvater, der die gesamte Familie mit seinem Nichtsterbenwollen tyrannisiert. Rammstedt las superschnell und außer Atem, überschlug sich fast, als sei der Text viel zu lang. Das Publikum kicherte während der Lesung. “Ein hochkomischer Text, der super funktioniert hat”, befand Juror Klaus Nüchtern. In der Tat: Der Text ist lustig. Vielleicht nicht so, dass man explodieren müsste – wie manchmal bei David Foster Wallace, Arno Schmidt oder Helmut Heißenbüttel. Aber nett und etwas böse ist er und bewirkt ein verschmitztes Lächeln, er reizt seine Methodik bis zum Anschlag aus, was auch Leerlauf und Vorhersehbarkeit bewirkt. Ganz langweilig wird er nicht. Das reicht zum Ingeborg-Bachmann-Preis in diesem Jahr. Vielleicht lag es auch an der Gruppendynamik im Studio?


Für seine Geschichte Das Zimmermädchen erhielt der in Karlsruhe lebende Markus Orths den mit 10.000 Euro dotierten Telekom Austria Preis. Orths erzählte vom Zimmermädchen Lynn, das Mutmaßungen über Hotelgäste anstellt, sich in deren Zimmern umguckt, sich unterm Bett versteckt und eine voyeuristische Manie entwickelt, die den Leser zum Komplizen macht. Im Stil der kurzen Hauptsätze. Sicher eine schöne Geschichte, aber Kunst?
Patrick Findeis, obwohl in Berlin lebend, wagte sich mit Kein schöner Land an ein Bauerndrama. Die Jury war sehr angetan von der apokalyptischen Rede, der Musikalität des Textes und der schönen Erzählweise. Findeis gewann den mit 7500 Euro dotierten 3sat-Preis. Der in Graz geborene Clemens J. Setz, der jüngste Teilnehmer, bekam mit seiner Novelle Die Waage den Ernst-Willner-Preis und damit 7000 Euro. Der in konventioneller Sprache gebaute Text machte die Dingwelt in Form einer Waage zum Instrument des Horrors, die die Körper der Hausbewohner ganz gegen ihren Willen als zu leicht befindet.


Die komplexere und nicht eindeutig auf bürgerliche Entlastungs-Mechanismen abzielende Geschichte von Ulf Erdmann Ziegler, die vom Sesshaftwerden der bundesdeutschen Nachkriegsgeneration in den sechziger und frühen siebziger Jahren erzählte, hatte es schwer, gegen den eineindeutigen Humor zu bestehen.
Nachdem Tilmann Rammstedt nicht nur den Hauptpreis, sondern auch den mit 6000 Euro dotierten Publikumspreis, den alle Zuhörer der Lesungen in einer Internetabstimmung vergeben können, sowie den Preis der „Riesenmaschine“ mit 500 Euro einheimste, konnte man sich des Gefühls nicht erwehren, die Spaßgesellschaft hätte nun auch im Klagenfurter Literaturwettbewerb Einzug gehalten.


Ilija Trojanow, der auch die Eröffnungsrede hielt, zeigte sich etwas unzufrieden mit der Jury: „Manche Behauptungen wurden nicht hinterfragt. Man gab sich auf der Oberfläche zufrieden“, sagte er. Das lag wohl auch an der fehlenden Zeit, weil die Veranstaltung von fünf auf etwas mehr als zwei Tage eingedampft worden war.
 

 
Leser-Kommentare
  1. Ich habe nicht ganz die Hälfte des Textes von Tilmann Rammstedt im Internet gelesen. Danach zwang mich die Langeweile doch endgültig aufzuhören.Die Jury redet von hochkomisch? Also sehr witzig fand ich ihn nicht. Außerdem erinnert mich sein Stil ein wenig an Günter Grass.

  2. Verstehe ich es richtig, dass sich der Artikel hauptsächlich darüber irritiert und angesäuert zeigt, dass dieses Jahr nicht alles gelaufen ist wie bisher?Das ist natürlich schlimm.---
    StGB §328, Absatz 2.3:
    Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer eine nukleare Explosion verursacht.

  3. Zu lesen ist in DIE ZEIT, der BACHMANN-Lesewettbewerb sei „kein Gradmesser für den Zustand und die Qualität der Literatur, sondern ein Teil des Literaturmarkts, ein Außenlager für die Öffentlichkeit, in der diesmal die Regularien des Marktes deutlicher wurden als zuvor“. Diagnostiziert wird „Ödnis, Langeweile, weitschweifiges Auswalzen von konventionellen Erzählungen, Novellen und Romananfängen, Alltagssprache in feinsäuberlichen An- und Ausbauten“ – die Texte seien „zwar handwerklich gut ausgeführt“, würden aber „pure Langeweile verströmen“ Und: die „Spaßgesellschaft“ habe nun auch im Klagenfurter Literaturwettbewerb Einzug gehalten. (So Carsten KLOOK; ZEIT Online am 30.06.08.) Veranstalter der „32. Tage der deutschsprachigen Literatur" waren die Landeshauptstadt Klagenfurt und das ORF-Landesstudio Kärnten. 14 Autoren stellten sich der 7köpfigen Jury. An „RICHTLINIEN“ des BACHMANN-Preises mussten sich die Juroren und die eingeladenen AutorInnen „verbindlich“ orientieren. Die Auswahl der Jurymitglieder treffen Vertreter der Veranstalter. Die Jury muss aus einer ungeraden Anzahl von „PublizistInnen, KritikerInnen, WissenschafterInnen und SchriftstellerInnen“ bestehen. Jederzeit muss es „öffentlich erkennbar“ sein, „welche/r AutorIn durch welche/n JurorIn vorgeschlagen wurde“. AutorInnen können „zur Kritik der Jury Stellung nehmen“ und „dem/der AutorIn steht auch das Schlusswort zu“. Die Ermittlung des/der Preisträgers/in erfolgt „in offener Abstimmung“. Die Mitglieder der Jury sind verpflichtet, ihre Vorschläge für die Zuerkennung des Preises „öffentlich, auch via Fernsehen und Hörfunk zu begründen“. Da es "durchaus keine Wissenschaft gibt, welche rein objektiv, allgemein gültig urteilen lehrte", müsse die KRITIK ihrem Wesen nach "notwendig individuell" sein; so Marcel REICH-RANICKI zur Frage nach literarischen Bewertungskriterien (ZITAT A.W. SCHLEGEL 1801; Klagenfurter Texte). Transparente Juryentscheidungen zur „Sieger“-Bestimmung bei Preisen sind gefragt: „Objektive KRITERIEN“ zur Auswahl von BACHMANN-Gewinnern zugrunde zu legen, muss Schule machen. Anderwärts versucht man - nach Kritik an Auswahlverfahren – KULTUR-Preise, bei denen das Preis-Geld von der öffentlichen Hand kommt (Bund, Land, Stadt), nur durch unabhängige (!) Juroren zu vergeben. Bei Ausjurierungen spielt oft die unselige Verquickung von Branche/Markt (Kunst, Film etc.) und Subvention eine nachhaltige Rolle; also nicht-unabhängige (unseriöse) Branchen-Insider ausselektieren. Die Voraussetzungen für die QUALITÄT der Juroren-Urteile sind zu evaluieren. Für Kunst&Kultur-Förderung sind zur QUALITÄTSSICHERUNG KRITERIEN anzuwenden. Voraussetzung: nachgewiesene Juroren-Fachkompetenz. So sind „Leitbild“-KRITERIEN („Indikatoren“) für die LEISTUNG von subventionierten KULTUR-Institutionen anzuwenden: "Quantitative Kriterien“ und „Qualitative Kriterien“ (wie Resonanz, Relevanz, Innovationsbereitschaft, Engagement, Professionalität); vgl. Vorschläge in www.kulturblog.ch. Der „Fall documenta“ und „Fall Kiefer“ (Friedenspreis 2008) lehren, dass vieles falsch läuft. Zum „Modell für eine objektivere Kunstbeurteilung“ siehe www.art-and-science.de.

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