Presseschau"Klischee, Plattitüde und Chaos"

"Das wunderschönste Bilderbuch, das man sich vorstellen kann"; "der albernste Film überhaupt" – mittelmäßig war nichts an "Metropolis", auch die Kritiken nicht. Eine Presseschau aus dem Jahr 1927

Szene aus Fritz Langs "Metropolis"

Szene aus Fritz Langs "Metropolis"  |  © Hulton Archive/Getty Images

"Berliner Tageblatt":
"Es ist der wunderbarste Film, den diese deutsche Industrie jemals geschaffen hat, der große Film der Ufa mit photographischen Griffen von noch nie gesehener Souveränität."

"Neue Preußische (Kreuz-) Zeitung":
"Das Filmereignis der Saison! (...) Was hier filmtechnisch geleistet wurde, ist unerhört, noch nicht dagewesen! (...) (Vorher aber) tobte ein Beifall, wie ihn selbst der Ufa-Palast am Zoo wohl selten gesehen hat (…)."

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Luis Bunuel, spanischer Regisseur (1900-1983):
"Nicht ein Film, sondern zwei, am Bauch aneinander klebend, das ist Metropolis; zwei Filme, deren innere Beweggründe in äusserstem Widerspruch zueinander stehen. Wer den Film als zurückhaltenden Geschichtenerzähler verstehen will, wird von Metropolis bitter enttäuscht sein. Denn das hier ist eine triviale, schwülstige Geschichte, schwerfällig und von abgestandener Romantik. Wenn wir aber der erzählerischen Seite des Films die gestalterisch-bildhafte vorziehen, übertrifft Metropolis alle Erwartungen und entzückt als das wunderschönste Bilderbuch, das man sich überhaupt vorstellen kann. (...) Welch begeisternde Symphonie der Bewegung! Wie die Maschinen singen inmitten wunderbarer Projektionen, "triumphgekrönt" von elektrischen Entladungen! Alles Kristall der Welt, aufgelöst in wunderschönste Lichtreflexe, fliesst in diesen Gesängen der modernen Leinwand. Das funkelnde Glänzen und Gleissen des Stahls, das rhythmische Zusammenspiel von Rädern, Kolben und bisher unvorstellbaren mechanischen Kompositionen: eine unbeschreiblich schöne Ode, eine für unsere Augen völlig neue Poesie. Die Physik und die Chemie verwandeln sich wie durch ein Wunder in Rhythmik. Kein einziger statischer Moment! Sogar die Zwischentitel, die erscheinen und verschwinden, sich drehen, bald in Licht bald in Schatten aufgelöst, werden zu Bewegung, ergeben ein Bild."
(Aus: Cahiers du cinéma – August/September 1970, Nr. 223, Originaltext veröffentlicht in Gaceta Literaria, Madrid, 1927-1928)

"Berliner Volkszeitung":
"Eine künstlerische Tat, ein Werk, bei dem es schwer zu sagen ist, was das Beste an ihm war. Die Regie, die Darstellung oder die Technik. Es ist alles aus einem Guß. Man möchte fast bitten, gar nichts sagen zu dürfen, weil der Wert des Films nur in dem Erlebnis unserer Augen liegt. (…) Es ist ein großer Film."

"Der Tag":
"Bei der Uraufführung im Ufa-Palast am Zoo hatte der "Metropolis"-Film einen großen Publikumserfolg. Der Beifall setzte bei den ersten Bildern, die die riesiges technische Leistung zeigten, ein und steigerte sich immer mehr (…). Man fühlt: dies ist der "Film für den Film", der absolute, - der Über-Film (…)."


Theodor Heuß (1884-1963), erster Bundespräsident der Bundesrepublik und zeitweiliger Leiter der Zeitschrift "Die Hilfe":
"Das Programmheft der 'Metropolis' enthält eine aufschlußreiche Anekdote. In die "Handlung" ist, mit ein paar Bildern, retrospektiv, der Turmbau von Babel eingeschaltet. Die Szenen könnten für den Gang der Ereignisse entbehrt werden; aber der Regisseur Fritz Lang ist dankbar für jeden Einfall, der ihm erlaubt, Massen zu zeigen; auch soll der Vorgang den Frondienst der Arbeitsklassen "symbolisieren". Das Symbol verlangt die Impression des Sklaven, die Phantasie des Regisseurs beansprucht sechstausend Menschen. Er findet aber nur tausend, die sich die Haare glatt wegschneiden lassen, und er muß nun also sechsmal den schleppenden Zug der Tausend aufnehmen und die Geschichte zusammenkombinieren. Jeder gönnt den armen Arbeitslosen, die ihre Haare opfern, und den Friseuren bei ihrem Massenmord von Schönheit die zusätzliche Einnahme – ich finde diese banale Geschichte sehr lehrreich für den suggestiven Zahlen-Snobismus, der die Millionen Mark begleitet.
(...)
Der große Film 'Metropolis', der jetzt in Berlin läuft, preisend mit viel schönen Reden eingeführt und bestimmt, wenn sich die Erwartungen seiner Urheber und Finanzierer erfüllen, die Welt zu umrunden, macht nachdenklich. Er wird, was Aufwand an Mitteln und Menschen und was Verwertung der technischen Möglichkeiten anlangt, wohl als die 'Spitzenleistung' der deutschen Filmproduktion von heute anzusehen sein, und er hatte für seine Gestaltung wenn nicht die ersten Schauspieler, so doch den leidenschaftlichsten und im Detail einfallreichsten Regisseur zur Uraufführung. Aber wenn man seine zweieinhalb Stunden hinter sich hat, die reich waren nicht nur an eindrucksvoll gestellten Bildern, sondern auch an 'aufregenden' und 'spannenden' Augenblicken, die eine höchst legitime Voraussetzung solchen Films sind, wenn man all das hinter sich hat, ist man froh, in die kühle Nachtluft entlassen zu sein."
(Aus: Die Hilfe", 33. Jg.,  Heft 4, 15.2.1927)
 

"Deutsche Zeitung":
"Mit einer Phantasie ohne Schranken sind hier Bilder kühnster Gedanken geformt (…). Eine Welt der Maschinen türmt sich zu gigantischer Metropola (…). Der Beifall der gestrigen Fest-Uraufführung dieses bisher größten deutschen Films war überwältigend (…)."

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