Am Dienstag vergangener Woche reiste Paula Félix-Didier in geheimer Mission nach Berlin, um sich dort mit drei Filmgutachtern und mit Redakteuren des ZEIT-Magazins zu treffen. In Gepäck der Museumschefin aus Buenos Aires: eine Kopie einer Langfassung von Fritz Langs Metropolis, darin Szenen, die seit fast 80 Jahren als verschollen galten. Nachdem die drei Experten den Film begutachtet haben, sind sie sicher: Der Fund aus Buenos Aires ist ein echter Schatz, eine Weltsensation. Metropolis, der bedeutendste Stummfilm der deutschen Geschichte, darf seit diesem Tag als wiederentdeckt gelten.

Die Urfassung von Metropolis hatte Fritz Lang im Januar 1927 in Berlin präsentiert. Der Film spielt in der Zukunftsstadt Metropolis, sie wird von Joh Fredersen beherrscht, dessen Arbeiter unter der Erde leben. Sein Sohn verliebt sich in eine junge Frau aus der Arbeiterstadt – der Konflikt nimmt seinen Lauf. Es war der teuerste deutsche Film, den es bis dahin gegeben hatte. Es sollte ein Großangriff auf Hollywood werden. Doch bei Kritikern und Publikum fiel der Film durch. Die Vertreter der amerikanischen Paramount kürzten den Film radikal und schnitten ihn um. Sie vereinfachten die Handlung extrem, auch Schlüsselszenen schnitten sie heraus. Die Originalfassung war nur bis Mai 1927 in Berlin zu sehen – bis heute galt sie als verschollen. Wer den Film zuletzt in der restaurierten Fassung sah, las zu Beginn folgende Einblendung: "Über ein Viertel des Films muss als verschollen gelten."

Wie der Film dennoch überlebte, hat das ZEIT-Magazin nun rekonstruiert. Adolfo Z. Wilson, ein Mann aus Buenos Aires und Chef der Verleihfirma Terra, holte 1928 eine Kopie der Langfassung von "Metropolis" nach Argentinien, um sie in den Kinos zu zeigen. Wenig später gelangte ein Filmkritiker namens Manuel Peña Rodríguez an die Rollen und nahm sie in seine private Sammlung auf. In den 60ern verkaufte Peña Rodríguez die Filmrollen an den Nationalen Kunstfond Argentiniens – noch immer ahnte offenbar niemand etwas von dem Wert der Rollen. Eine Kopie dieser Rollen ging 1992 in die Sammlung des Museo del Cine in Buenos Aires über, dessen Leitung Paula Félix-Didier im Januar diesen Jahres übernahm. Ihr Exmann, Leiter der Filmabteilung des Museums für Lateinamerikanische Kunst, hatte den entscheidenden Verdacht: Er hatte von dem Leiter eines Cineclubs gehört, der sich vor Jahren darüber gewundert hatte, wie lange die Vorführung dieses Films dauerte. Gemeinsam untersuchten Paula Félix-Didier und ihr Exmann den Film in ihrem Archiv – und entdeckten die vermissten Szenen.

Die Museumsleiterin Paula Félix-Didier erinnerte sich an ein Abendessen mit der deutschen Journalistin Karen Naundorf und vertraute ihr das Geheimnis an. Félix-Didier wollte, dass die Nachricht in Deutschland bekannt wurde, wo Fritz Lang arbeitete – und sie erhoffte sich in Deutschland eine größere Aufmerksamkeit als in Argentinien. Die Autorin Karen Naundorf arbeitet seit Jahren für die ZEIT - und weihte die Redaktion des ZEITmagazins in ihr Wissen ein.

Unter den nun entdeckten Szenen sind nach einhelliger Meinung der drei Experten, die das ZEITmagazin zur Prüfung der Bilder bat, gleich mehrere Szenen, die für das Verständnis des Films essentiell sind: So wird etwa die Rolle, die der Schauspieler Fritz Rasp im Film spielt, überhaupt erst verständlich. Andere Szenen, wie etwa die Rettung der Kinder aus der Arbeiterstadt, werden wesentlich dramatischer. Kurz: "Metropolis, Fritz Langs berühmtester Film, kann neu gesehen werden", wie es Rainer Rother, Direktor der Deutschen Kinemathek und Leiter der Retrospektive-Reihe der Berlinale, formulierte.

Helmut Possmann, Vorstand der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Siftung, der Rechteinhaberin von "Metropolis", sagte dem ZEITmagazin: "Das bisher verschollen geglaubte Material führt zu einem neuen Verständnis des Meisterwerks von Fritz Lang." Die Murnau-Stiftung sieht sich nun "in der Verantwortung, das Material zusammen mit dem Archiv in Buenos Aires und unseren Partnern der Öffentlichkeit zugänglich zu machen."