Olympia-Kolumne Gott ist mein Zeuge

Olympiasieger Jan Ullrich hat mal wieder beteuert, nie betrogen zu haben. Ein Resümee der Lage an der Dopingfront gut vier Wochen vor Beginn der Spiele - und einen Tag vor der Tour de France

Nun ist das Fußballfieber vorbei, und die heiße Olympia-Phase beginnt. Auch der Radsport rückt, einen Tag vor Beginn der Tour de France, wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit. In den vergangenen Wochen, bei all den Tibet-Erdbeben-Europameisterschaftsaufregungen, ist ein  Thema fast vergessen worden: Doping. Dabei ist natürlich auch an der Medikamentenfront eine Menge passiert, ich resümiere mal nur ein paar Neuigkeiten:

+ Die bulgarische Gewichtheber-Nationalmannschaft wird nach positiven Doping-Tests bei acht Männern und drei Frauen nicht an den Olympischen Spielen in Peking teilnehmen.
+ Griechenlands Gewichtheber dürfen dagegen an den Start gehen, auch wenn im Frühjahr elf griechische Athleten bei Trainingskontrollen positiv getestet worden waren.
+ Chinas Schwimmer Ouyang Kunpeng ist wegen Dopings lebenslang gesperrt worden. Der 25 Jahre alte Rückenspezialist wurde positiv auf das verbotene Mittel Clenbuterol getestet.
+ Dem US-amerikanischen Radprofi Floyd Landis ist am 2. Juli 2008 endgültig der Sieg bei der Tour de France 2006 wegen Dopings aberkannt worden. Er verlor in letzter Instanz vor dem Sportsgerichtshof CAS in Lausanne.
+ Gary Hall, 2-facher Schwimm-Olympiasieger über 50 Meter Freistil, sagte angesichts der vielen neuen Weltrekorde im Schwimmen: "Ich glaube nicht, dass die Flut an Weltrekorden allein auf die neuen Anzüge zurückzuführen ist. Ich denke, dass auch Doping ein Grund dafür ist - auch wenn ich keine Beweise dafür habe."
+ Dänische Forscher haben die Zuverlässigkeit des aktuellen Testverfahrens für das Blutdopingmittel Erythropoietin (Epo) angezweifelt. Wie das Fachmagazin „Journal of Applied Physiology“ berichtete, hat eine Studie mit acht Probanden im Sommer 2007 zum Teil widersprüchliche Resultate ergeben. Die Analysen wurden in zwei von der Welt-Antidoping-Agentur Wada akkreditierten Labors vorgenommen und dann von Forschern am Kopenhagener Zentrum für Muskelforschung ausgewertet.
+ Inzwischen sind drei der vier Goldmedaillengewinner der amerikanischen 4x400-Meter-Staffel von Sydney des Dopings überführt.

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Eine feine Liste ist das, und sie zeigt wirklich nur einen Ausschnitt aus der Welt des Hochleistungssports. Nun werden Idealisten sagen: Da sind doch viele alte Fälle dabei. Aber leider eben auch ein paar neue. Und es bleibt die bittere Erkenntnis, dass einem acht Jahre nach den Jahrtausendspielen von Sydney immer noch Olympiasieger abhandenkommen und damit in einigen zentralen Disziplinen immer noch nicht feststeht, wer eigentlich wirklich gewonnen hat (zur Erinnerung: Die 4x400-Meter-Staffel der Männer ist einer der zentralen, prestigeträchtigen Wettkämpfe am letzten Tag der Leichtathletikwettbewerbe).

Was heißt das für die Spiele in Peking? Dass es auch dort gedopte Athleten geben wird. Dass wir uns bis zu den Spielen in London 2012 oder denen von 2016 oder weit darüber hinaus nicht sicher sein können, ob alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Denn von den überführten Läufern gab es wie auch von der ebenfalls gestürzten Sprintkönigin Marion Jones nie eine positive Dopingprobe. Sie alle sind erst über komplizierte juristische Umwege ertappt worden; Jones sitzt heute im Gefängnis – aber nicht wegen Dopings, sondern wegen Meineids. Und ihre Goldmedaille bekommt die Griechin Ekaterina Thanou, eine überführte Doperin.

Und sage keiner, all diese Fälle würden doch den Athleten die Augen öffnen und sie lehren, dass Doping eine schlimme Sache sei. Ein anderer Olympiasieger hat gerade ein eindrucksvolles Beispiel seiner Unbelehrbarkeit gegeben: unser Ex-Nationalheld Jan Ullrich.

"Ich habe nie jemanden betrogen“, sagte er gerade wieder einmal, diesmal in der Sport Bild. „Ich fühle mich nicht als Betrüger. Ich bin ein gerechter Mensch und war immer ein fairer Sportler. Die Grenzen im Radsport sind wie in der Kinderkrippe. Jedes Kind nimmt wahrscheinlich mehr Medikamente, als wir dürfen. Ich habe mir nie medizinisch vollgestopft einen unfairen Vorteil gegenüber anderen verschafft. Gott ist mein Zeuge. Das nehme ich auch mit ins Grab. Ich bin sehr stolz auf meine Karriere.“

Ob Gott nicht in den Kühlschrank von Dr. Fuentes gucken kann, in dem auch Blutbeutel von Ulle warteten?

Wenn man so was liest, wünscht man sich neben einem verlässlichen Epo-Test endlich auch mal eine gründliche Studie darüber, wie perfekte Verdrängung eigentlich funktioniert. Auch die Spiele von Peking dürften für viele Studien interessantes Material bieten.

Ab in die Mitte – die Olympia-Kolumne von Christof Siemes. Bis zum Beginn der Olympischen Spiele in Peking schreibt Siemes an jedem Mittwoch über den Weg zum größten gesellschaftlichen Ereignis der jüngeren chinesischen Geschichte. Er trifft deutsche und asiatische Sportler, begleitet die Trainingsprogramme der Stars und arbeitet aus reinem Ehrgeiz an seinem persönlichen Fitnesslevel. Der Countdown für Olympia läuft.


 

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 04.07.2008 um 14:01 Uhr

    ... der Autor arbeitet also aus purem Ehrgeiz an seinem persönlichen Fitnesslevel. Aber welche Ehre will er denn wem abgeizen ? Bei den olympischen Spielen, die symptomatisch für die Gewichtung in unserer Gegenwartskultur für das größte, höchste, weiteste, schnellste und überhaupt allerbeste stehen, dürfte Herrn Siemes wohl keine besondere Ehre zuteil werden. Geld wird er mit seinem sportlichen Ehrgeiz wohl auch keins verdienen. Dann wenigstens mit gutmenschlichen Kommentaren.

    Seien wir doch mal ehrlich: Olympia ist was für Menschen, die ihre Testosteron-Level nicht unter Kontrolle haben und daher immer der Alpha-Affe sein müssen. Da passt es doch, wenn die Sportler alle "Mittel" benutzen, die ihnen zur Verfügung stehen. Schließlich haben sie ja auch ihr gesamtes Leben dem wackeligen Wunsch geopfert, einmal ganz an der Spitze zu stehen. Wenn das aber nicht klappt ist das Nachtgemach unter der Brücke jedenfalls keine verlockende Aussicht.

    An Heuchelei grenzt es daher für mein Dafürhalten, dass man diesem Wettbewerb willkürliche Regeln aufpropfen will, was gute und was schlechte Hilfsmittel sind. Ein Alpha-Affe ist nur dann ein Alpha-Affe, wenn er mit unbedingtem Willen zum Sieg operiert. Und außerdem: für die Zuschauer, die auf dem Nachhauseweg von der Arbeit sich noch an blutigen Verkehrsunfällen ergötzt haben, wäre doch auch die Aussicht ein bisschen langweilig, wenn es für die nächsten zweihundert Jahre keine Weltrekorde mehr gäbe.

    Es fragt sich also, ob nicht nur bei den Spitzensportlern, sondern auch bei den Zuschauern ein Zustand vollkommener Verdrängung eingetreten ist.

    Ich bin kein sonderlich sportlicher Mensch, wie man meiner Geisteshaltung vielleicht schon entnehmen mag. Aber eines kann ich mit Genugtuung sagen: zu den Gelegenheiten, bei denen ich Sport betrieben habe, habe ich es aus Spaß an der Bewegung oder der frischen Luft, oder für meine Gesundheit getan. Daher muss ich mich auch nicht darüber aufregen, wenn jemand per Doping Leistungen erreicht, die ein anderer vielleicht nur durch einen dummen Zufall der Natur erreicht hätte.

  1. Wenn ich das richtig interpretiere, was unser Herr Ulrich gesagt hat "Ich habe mir nie medizinisch vollgestopft einen unfairen Vorteil gegenüber anderen verschafft" sagt er ja nicht, dass er nie gedopt hat. Er sagt nur, dass er sich nie einen unfairen Vorteil verschafft hat. Meine Interpretation: Wenn ich davon ausgehe, dass alle dopen verschaffe ich mir mit meinem Doping keinen unfairen Vorteil. Gott ist mein Zeuge. Ich habe keinen Benachteiligt. Ich habe nur auf das Level der anderen aufgeschlossen, also wurde ich quasi genötigt. Das muß doch jeder einsehen und verstehen.

  2. Olympik kommt nicht immer mit Vergnuegung und Spass, es wird auch begeltet von Krimin, Dopping, politische Spiel, Werbungkrieg und sowas.Dass der spitz Schwimmer wegen Dopping lebenslang gesperrt wird, heisst man die Huhn schlachten, um die Affen einzuschuechtern.
    Wenn Olympik mit Liebe und Komplotte vermischt wird es sehr interessant sein. Der beste gehuetet Geheim jeder Olympik, der Methoede der Zuendung des olympischen Feuers ist inzwischen auch durchgesickert worden:
    http://kommentare.zeit.de/user/runzheim/beitrag/2008/07/02/krimin-olympik-peking-2008-roman#
     

    • gun02
    • 04.07.2008 um 15:43 Uhr

    Jan Ulrich ist Opfer. Er hat immer das gemacht, was seine Experten von ihm wollten. Doping wurde als Kavaliersdelikt angesehen, bei dem man sich nicht erwischen lassen darf. Wenn er Glück hat kommt er während seines Lebens noch dahinter, dass er für sich selbst verantwortlich ist.
    Viel schlimmer ist unsere Diskussion um Olympia und Doping. Die Spiele sind kein Zirkus der Testo-Monster. Die Spiele zeigen, welche Mittel die verschiedenen Länder und Kulturen einsetzen, um (sportliche) Leistungen zu verbessern und Erfolg zu haben. Uns Deutschen kommt eine interessante Rolle zu: einst waren wir Diejenigen, die mit pharmakologischen Mitteln die Leistungen ganzer Sportlergenerationen pushten und eine Menge Edelmetall gewannen. Schließlich wollte man im Kalten Krieg die sportlichen Erfolge nicht dem Sozialismus überlassen und da war fast jedes Mittel recht. Andere haben von uns gelernt und heute stellen wir sie an den Pranger. Wir sollten bescheidener sein und uns glaubwürdig für die positiven Werte der Spiele einsetzen.

    • TyRell
    • 04.07.2008 um 16:59 Uhr

    "Olympiasieger Jan Ullrich hat mal wieder beteuert, nie betrogen zu haben." Langsam wird das echt lächerlich.

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