Olympia-Kolumne Gott ist mein ZeugeSeite 2/2
"Ich habe nie jemanden betrogen“, sagte er gerade wieder einmal, diesmal in der Sport Bild. „Ich fühle mich nicht als Betrüger. Ich bin ein gerechter Mensch und war immer ein fairer Sportler. Die Grenzen im Radsport sind wie in der Kinderkrippe. Jedes Kind nimmt wahrscheinlich mehr Medikamente, als wir dürfen. Ich habe mir nie medizinisch vollgestopft einen unfairen Vorteil gegenüber anderen verschafft. Gott ist mein Zeuge. Das nehme ich auch mit ins Grab. Ich bin sehr stolz auf meine Karriere.“
Ob Gott nicht in den Kühlschrank von Dr. Fuentes gucken kann, in dem auch Blutbeutel von Ulle warteten?
Wenn man so was liest, wünscht man sich neben einem verlässlichen Epo-Test endlich auch mal eine gründliche Studie darüber, wie perfekte Verdrängung eigentlich funktioniert. Auch die Spiele von Peking dürften für viele Studien interessantes Material bieten.
- Datum 13.08.2008 - 21:15 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 5
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







... der Autor arbeitet also aus purem Ehrgeiz an seinem persönlichen Fitnesslevel. Aber welche Ehre will er denn wem abgeizen ? Bei den olympischen Spielen, die symptomatisch für die Gewichtung in unserer Gegenwartskultur für das größte, höchste, weiteste, schnellste und überhaupt allerbeste stehen, dürfte Herrn Siemes wohl keine besondere Ehre zuteil werden. Geld wird er mit seinem sportlichen Ehrgeiz wohl auch keins verdienen. Dann wenigstens mit gutmenschlichen Kommentaren.
Seien wir doch mal ehrlich: Olympia ist was für Menschen, die ihre Testosteron-Level nicht unter Kontrolle haben und daher immer der Alpha-Affe sein müssen. Da passt es doch, wenn die Sportler alle "Mittel" benutzen, die ihnen zur Verfügung stehen. Schließlich haben sie ja auch ihr gesamtes Leben dem wackeligen Wunsch geopfert, einmal ganz an der Spitze zu stehen. Wenn das aber nicht klappt ist das Nachtgemach unter der Brücke jedenfalls keine verlockende Aussicht.
An Heuchelei grenzt es daher für mein Dafürhalten, dass man diesem Wettbewerb willkürliche Regeln aufpropfen will, was gute und was schlechte Hilfsmittel sind. Ein Alpha-Affe ist nur dann ein Alpha-Affe, wenn er mit unbedingtem Willen zum Sieg operiert. Und außerdem: für die Zuschauer, die auf dem Nachhauseweg von der Arbeit sich noch an blutigen Verkehrsunfällen ergötzt haben, wäre doch auch die Aussicht ein bisschen langweilig, wenn es für die nächsten zweihundert Jahre keine Weltrekorde mehr gäbe.
Es fragt sich also, ob nicht nur bei den Spitzensportlern, sondern auch bei den Zuschauern ein Zustand vollkommener Verdrängung eingetreten ist.
Ich bin kein sonderlich sportlicher Mensch, wie man meiner Geisteshaltung vielleicht schon entnehmen mag. Aber eines kann ich mit Genugtuung sagen: zu den Gelegenheiten, bei denen ich Sport betrieben habe, habe ich es aus Spaß an der Bewegung oder der frischen Luft, oder für meine Gesundheit getan. Daher muss ich mich auch nicht darüber aufregen, wenn jemand per Doping Leistungen erreicht, die ein anderer vielleicht nur durch einen dummen Zufall der Natur erreicht hätte.
Wenn ich das richtig interpretiere, was unser Herr Ulrich gesagt hat "Ich habe mir nie medizinisch vollgestopft einen unfairen Vorteil gegenüber anderen verschafft" sagt er ja nicht, dass er nie gedopt hat. Er sagt nur, dass er sich nie einen unfairen Vorteil verschafft hat. Meine Interpretation: Wenn ich davon ausgehe, dass alle dopen verschaffe ich mir mit meinem Doping keinen unfairen Vorteil. Gott ist mein Zeuge. Ich habe keinen Benachteiligt. Ich habe nur auf das Level der anderen aufgeschlossen, also wurde ich quasi genötigt. Das muß doch jeder einsehen und verstehen.
Olympik kommt nicht immer mit Vergnuegung und Spass, es wird auch begeltet von Krimin, Dopping, politische Spiel, Werbungkrieg und sowas.Dass der spitz Schwimmer wegen Dopping lebenslang gesperrt wird, heisst man die Huhn schlachten, um die Affen einzuschuechtern.
Wenn Olympik mit Liebe und Komplotte vermischt wird es sehr interessant sein. Der beste gehuetet Geheim jeder Olympik, der Methoede der Zuendung des olympischen Feuers ist inzwischen auch durchgesickert worden:
http://kommentare.zeit.de/user/runzheim/beitrag/2008/07/02/krimin-olympik-peking-2008-roman#
Jan Ulrich ist Opfer. Er hat immer das gemacht, was seine Experten von ihm wollten. Doping wurde als Kavaliersdelikt angesehen, bei dem man sich nicht erwischen lassen darf. Wenn er Glück hat kommt er während seines Lebens noch dahinter, dass er für sich selbst verantwortlich ist.
Viel schlimmer ist unsere Diskussion um Olympia und Doping. Die Spiele sind kein Zirkus der Testo-Monster. Die Spiele zeigen, welche Mittel die verschiedenen Länder und Kulturen einsetzen, um (sportliche) Leistungen zu verbessern und Erfolg zu haben. Uns Deutschen kommt eine interessante Rolle zu: einst waren wir Diejenigen, die mit pharmakologischen Mitteln die Leistungen ganzer Sportlergenerationen pushten und eine Menge Edelmetall gewannen. Schließlich wollte man im Kalten Krieg die sportlichen Erfolge nicht dem Sozialismus überlassen und da war fast jedes Mittel recht. Andere haben von uns gelernt und heute stellen wir sie an den Pranger. Wir sollten bescheidener sein und uns glaubwürdig für die positiven Werte der Spiele einsetzen.
"Olympiasieger Jan Ullrich hat mal wieder beteuert, nie betrogen zu haben." Langsam wird das echt lächerlich.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren