Sachsensumpf Voreiliger FreispruchSeite 4/4

Zweites Indiz: Ein Polizeibeamter, der 2000 an den Ermittlungen beteiligt war, schloss im Gespräch mit ZEIT ONLINE zwar aus, dass damals Lichtbilder von Richter N. gezeigt wurden. Er räumte aber ein: "Es kann sein, dass Zeitungsfotos der Person dabei waren." Der feine Unterschied: Lichtbildmappen müssen amtlich dokumentiert werden, anders als "zufällig" vorgelegte Zeitungsfotos. Ermittelten die Polizisten möglicherweise illegal oder verdeckt gegen N.? Gerieten sie unter Druck, weil der einflussreiche Richter Dienstaufsichtsbeschwerde gegen sie erhob? Denn die Beamten hatten zeitgleich ganz offiziell gegen ihn ermittelt wegen Rechtsbeugung zugunsten des Ex-"Jasmin"-Betreibers.

Die Staatsanwaltschaft musste an dieser Frage scheitern. Schon deshalb, weil kein Zeuge Saras Aussage bestätigen konnte oder mochte. Aber der vernehmende Ermittler machte auch kein Hehl daraus, dass er voreingenommen war. Laut Saras Anwalt hielt er ihr vor: "Wem wird man mehr glauben - zwei ehrenvollen Polizeibeamten oder einer Ex-Prostiuierten?"

4. Die Staatsanwaltschaft erweckt öffentlich den Eindruck, als hätten Journalisten die Aussagen von Sara und Claudia beeinflusst. Intern stellen die Ermittler etwas ganz anderes fest.

Auf der Abschlusspressekonferenz zum "Sachsensumpf" kritisierte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, dass vor den Ermittlern bereits Journalisten den früheren "Jasmin"-Mädchen Fotos von möglichen Freiern vorgelegt hätten. In ihrer schriftlichen Einstellungsverfügung spekulieren die Staatsanwälte: "Es ist nicht auszuschließen, dass die Zeuginnen dadurch beeinflusst wurden."

Mit den Journalisten sind die beiden Autoren dieses Beitrags gemeint. Tatsächlich haben sie lange vor der Staatsanwaltschaft mehrere Frauen, die ehemals im "Jasmin" anschaffen mussten, gesucht und gefunden. Was die Autoren dabei erfuhren, weicht von der Schlussfolgerung der Ermittler erheblich ab. So erzählte Sara im Juli 2007, ohne dass ihr die Journalisten auch nur ein Foto gezeigt hatten, sichtlich aufgeregt, was sie 1994 beim Prozess gegen den "Jasmin"-Betreiber vollends verwirrt habe: Nicht nur, dass der Angeklagte Michael W., anders als angekündigt, bei ihrer Zeugenaussage im Gerichtssaal saß. Von der Richterbank habe sie auch ein früherer Stammkunde aus dem Minderjährigenbordell angelächelt.

Der von Sara und Claudia als "Jasmin"-Freier belastete Ex-Richter N. zeigte nicht nur die beiden Frauen an. Er stellte zusätzlich noch einen Strafantrag, falls die Ermittlungen ergeben sollten, dass andere die beiden Frauen zu den Aussagen gegen ihn bewegt hätten. Doch die Staatsanwaltschaft, die öffentlich beide Frauen als Opfer übereifriger Journalisten darstellte, wehrte intern ab. Am 14. März 2008 schrieb der Chef der Dresdner Staatsanwaltschaft dem sächsischen Generalstaatsanwalt: "Konkrete Anhaltspunkte dafür, dass die genannten Zeuginnen durch dritte Personen zu ihren Aussagen bestimmt worden sind, bestehen derzeit (noch) nicht."

Sara und Claudia lassen sich von der Anzeige durch Ex-Richter N. nicht beeindrucken. Sie bleiben dabei, dass sie das gesagt haben, woran sie sich erinnern konnten. Claudia freut sich auf ihr zweites Kind, Sara hat gerade eine schwere Operation hinter sich. Wenn sie wieder bei Kräften ist, will sie mit ihrem Anwalt rechtliche Schritte gegen N. prüfen, den sie noch immer für ihren Freier "Ingo" hält.

 
Leser-Kommentare
  1. Das schöne am hässlichen in diesem Fall ist, dass sich die Fratze der Macht in Sachsen deutlich sichtbar und allgemein erkennbar zeigt, anstatt, wie vielleicht anderswo, mittels 2er oder 3er KarriereOpfer maskiert zu werden.Aber immerhin gab es auch MordFälle, und die BordellSache ist vielleicht nur das einzige, was irgendwie überhaupt zur Anklage kommt, weil alles andere zu unbeweisbar ist.

    • mhmmmm
    • 27.06.2008 um 11:31 Uhr

    ...so krass...wie soll man da noch irgendein Vertrauen in die Systeme in unserem Land haben, da kann man ja gleich nach Simbabwe ziehen!

  2. ....dann hat man auch eine vorstellung davon, warum bzw. wie es in Leipzig zum sogenannten "Disco-Krieg" kommen konnte. (Er ist ja auch noch nicht vorbei, es wird blos nicht mehr in den Medien darüber berichtet!).
    Zumindest in Leipzig kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass die Stadt in der Hand von Kriminellen ist.....

  3. Kompromat sind ein traditionelles Mittel der russischen Politik/KGB. Man sagt den Bordellgängern, 'Wenn du nicht das tust, was wir wollen, kommt's 'raus in der Öffentlichkeit, mit Photo.' Sollte man nicht die Birthler - Behörde an die Anforderungen der modernen Gesellschaft anpassen?

  4. Er hat es wirklich verdient. 

    • rabin
    • 27.06.2008 um 14:27 Uhr

    Welche Chance haben Aussagen von zwei Dirnen gegen diejenigen von Juristen und anderen, die diese Aussagen nicht bestätigen ? Welche Chancen haben die Aussagen der Richter in der Öffentlichkeit ? Würde diese Öffentlichkeit anerkennen, dass sie durch diese Frauen denunziert werden ?Damit haben wir das gesamte Spektrum. Auf der einen Seite das Justizsystem, das vohersehbar reagiert , auf der anderen Seite doe Öffentlichkeit, die diesem System keinen Glauben schenkt.Pilatus fragt: Was ist Wahrheit ?  Wer ist da, der dies mit Anspruch auf Glaubwürdigkeit sagen kann ? Das Justizsystem scheint es nicht zu sein.

  5. Mit den Bordellkontakten eines Herrn Friedman hatte ein Herr Naumann - damals Zeit-Chefredakteur - kein Problem. So unterschiedlich können Dinge interpretiert werden.

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    • mhmmmm
    • 27.06.2008 um 16:13 Uhr

    Bordellbesuche und Kinder(...) sind wohl zwei grundverschiedene Dinge, wenn dann noch Amtsmißbrauch und Verschleierung dazukommt, sind wir ganz tief drin im korrupten Staat, in dem die Mächtigen tun können was immer sie wollen ohne Konsequenzen fürchten zu müssen! Selbstverständlich gelten die Aussagen von Prostituierten genausoviel, wie die von "verdienten" Richtern, wo bleibt denn sonst der Gleichheitsgrundsatz? (... - entfernt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Die Redaktion/jk)

    • mhmmmm
    • 27.06.2008 um 16:13 Uhr

    Bordellbesuche und Kinder(...) sind wohl zwei grundverschiedene Dinge, wenn dann noch Amtsmißbrauch und Verschleierung dazukommt, sind wir ganz tief drin im korrupten Staat, in dem die Mächtigen tun können was immer sie wollen ohne Konsequenzen fürchten zu müssen! Selbstverständlich gelten die Aussagen von Prostituierten genausoviel, wie die von "verdienten" Richtern, wo bleibt denn sonst der Gleichheitsgrundsatz? (... - entfernt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Die Redaktion/jk)

  6. was dieser dicke Pfälzer 1990 mit "blühende Landschaften" gemeint hat.

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  • Quelle ZEIT online, 25.6.2008
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