"Dazu ist er ja da, der Fußball", posaunt der Freund am Gartentisch, das Bier kraftvoll abstellend. "So können wir uns zumindest ab und an richtig lebendig fühlen, konzentriertes Leben eben!" Das Bier wird vom Tisch zum Mund geführt. "Es gibt kein kräftiges Leben im Seichten", sage ich beziehungsreich und bin mir nicht sicher, was ich von diesem emotionalen Ausnahmezustand überhaupt halten soll, jetzt, wo ein spielfreier Tag sich seinem Ende entgegen neigt.

Eigentlich aber bin ich mir sicher: Ich will sie nicht, diese konzentrierte Lebendigkeit - ich bin ihr einfach nicht gewachsen. Ein solcher Tag wie dieser Freitag erscheint vollkommen sinnentleert, die Bilder all der schon gesehenen Spiele verdichten sich zu einer abstrusen Parallelwelt von Flanken, Sprints und tollen Toren. Und dann ist da dieser düstere Horizont vor mir, der mir bisweilen den Mut nimmt, denn ausgerechnet die Spanier mussten weiterkommen, diese technisch grandiose Mannschaft, die mir sofort die alte "German Angst" beschert, die Angst vor einer schmachvollen und hohen Niederlage. Ich halte es schon jetzt kaum aus.

Ich habe während dieser EM schon so viel durchgestanden, vielleicht zuviel. Das Spiel gegen die Türken steckt mir noch in den Knochen. Man war sich nicht sicher, ob die deutsche Elf ihre kroatische oder portugiesische Linie fortsetzten würde. Am Ende war es dann etwas mehr die portugiesische, aber so ganz überzeugend war es nicht. Das ist mein Problem: Ich brauche mehr Sicherheit beim Fußballgucken. Ansonsten gerät mein gesamtes Emotionsmanagement vollkommen aus der Bahn.

Beim Spiel gegen die Portugiesen fing es an. Da waren es die letzten Minuten, die ich, mit einem starken Hang zum Defätismus gesegnet, nicht mehr ertragen konnte. Sollte die deutsche Mannschaft diese wunderbare Führung wirklich bis zum Schlusspfiff verteidigen können? Ich konnte nicht einfach nur gucken, musste im hinteren Zimmerbereich zur Freude aller hektisch auf und ab gehen, um dann auf dem Klo zu verschwinden, ohne dass die Harnblase mich dazu genötigt hätte.

Nein, vielmehr sind es die Psychotricks aus Kinderzeiten, die mir in solchen Situationen wieder einfallen. Durch meinen sinnlichen Entzug, den ich durch das Zuhalten der Ohren noch intensiviere, konserviere ich den zuletzt gesehenen Zustand und verhindere bösartige Veränderungen des Spielstands. Das funktioniert natürlich nur für kurze Zeitabschnitte, aber immerhin funktioniert es, wie das Spiel gegen die Portugiesen schließlich bewiesen hat. Es ist kein weiteres Tor mehr gefallen.

Heftige Störungen dieser Psychomechanik ergaben sich dann allerdings beim Spiel gegen die Türken. Schon in der ersten Halbzeit stieg mein Emotionsdruck bis ins Unerträgliche, stetig genährt durch die unsäglichen Kommentare Bela Rethys, der ultimativen Unke unter den Sportmoderatoren. Ich musste vorzeitig die beschriebene De-Intensivierung des Erlebten beginnen. Ich verzog mich für wenige Minuten und genau da fiel das Tor für die Türken.

Bei meinem zweiten Gang dann besorgte Miro Klose die Führung, die ich immerhin noch in der Wiederholung erleben durfte. Den darauf folgenden Ausgleich musste ich ungeschützt und schon leicht derangiert über mich ergehen lassen. Das Siegtor aber fiel tatsächlich bei meiner letzten Kloflucht. Zuvor forderten mich die ausgelassenen Teilnehmer unserer kleinen Public-Viewing-Gemeinschaft, die mein Verhalten wohl durchschauten, auf, nun kurz vor Schluss noch einmal den entscheidenden Gang anzutreten. Ich ging. Und das Wunder passierte.

Gedämpft hörte ich die Jubelschreie aus dem Innenhof. Kurz vor Spielende besorgte Lahm die Führung. Trotz meiner Anwesenheit in den letzten Sekunden des Spiels sollte diese bis zum Schlusspfiff halten.

Allerdings war ich nun restlos aufgewühlt und ich tat etwas, was ich zuvor noch niemals getan hatte. Ich verließ unseren idyllischen Hinterhof und stellte mich verwirrt an die große Straße. Ich begann, dem vorbeifahrenden Autokorso zuzujubeln, erfreute mich an bewimpelten Autos und geriet in Verzückung, als sogar hupende Traktoren mit kräftigen Jungbauern besetzt an uns vorbeirumpelten.

Der Stumpfsinn triumphierte und ich war glücklich. "Leuchtend im Abglanz des infantilen Spiels", wie es eine Freundin nannte, die dem ganze Treiben eher kritisch gegenübersteht: Kollektiver Niveau-Limbo. Der Begriff gefiel mir, auch wenn ich das Ganze eher als eine Art Katharsis gedeutet habe, eine notwenige Läuterung, wobei mir schon klar ist, dass ich versuche, das brunzdumme Treiben akademisch zu adeln.

Am Sonntag werde ich wieder auf die gleichen Verfahren zurückgreifen. Da ich meinem Tagebuch schon einige Voddo-Mittel anvertraut habe, sei noch ein letztes genannt, mit dem ich dem Sieg auf die Sprünge helfe. Bei den Portugiesen praktizierte ich es mit Sagres und Queijo da Serra, bei den Türken mit Lammwurst und Efes - bei den Spaniern werde ich es mit San Miguel und Garnelen machen. Indem ich die Speisen unserer Gegner verzehre, raube ich ihnen die Körperkräfte. Auch das hat sich wunderbar bewährt, bisher jedenfalls.

Thorsten Pannen ist  Channelmanager von ZEIT.Online