SexualforschungSo nah am anderen Ufer

Die weltweit umfangreichste Studie an Zwillingen räumt auf: Mit der Mär vom Homo-Gen. Aber auch mit dem Irrglauben, dass Schwulsein eine Frage der Erziehung sei

Lange Zeit erschien es als eine Frage von entweder, oder: Gibt es ein genetisches Schicksal für Homosexuelle, ein Schwulengen? Oder ist die Liebe zum gleichen Geschlecht eben doch nur eine Frage der Erziehung, eine Folge von rosa Plüschtieren, Mädchenkleidern oder zuviel Mutterliebe in der Kindheit? Immer mehr Forscher zweifeln daran, dass es so einfach sein könnte. Sie finden immer bessere Belege dafür, dass die sexuelle Orientierung eines Menschen wahrscheinlich gar nicht von der Erziehung beeinflusst wird -  und dennoch keine rein genetische Frage ist.

Zu diesem Resultat kommt nun auch die weltweit größte Studie an Zwillingen, für die britische und schwedische Forscher alle 40.000 in Schweden lebenden Zwillinge angeschrieben hatten. Immerhin 7652 von ihnen, alle im Alter zwischen 20 und 47 Jahren, erklärten sich bereit, die Fragebögen der Forscher auszufüllen. Die Ergebnisse der Studie haben die Forscher der Queen Mary Universität in  London und des Karolinska Instituts in Stockholm jetzt in den Archives of Sexual Behavior veröffentlicht.

Immerhin 35 Prozent der Unterschiede zwischen männlichen Homo- und Heterosexuellen sind demnach genetisch bedingt, berichten die Wissenschaftler. Für lesbische Frauen dagegen erweist sich der erbliche Beitrag mit 18 Prozent als deutlich geringer. Äußere Einflüsse wären damit  maßgeblich für die gleichgeschlechtliche Liebe, doch wie die Unterschiede zwischen eineiigen Zwillingen zeigten, gehört die elterliche Erziehung gerade bei Männern gar nicht dazu: Es sind stattdessen ganz eigene, individuelle Erlebnisse, die entscheiden, ob ein Mann homo- oder heterosexuell wird. Unter den weiblichen Zwillingen dagegen ließ sich zumindest ein gewisser Einfluss der Erziehung festhalten: Die gemeinsame Erziehung trägt vermutlich zu 16 Prozent dazu bei, ob Frauen später Frauen lieben.

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Zwillinge haben sich in dieser Studie einmal mehr als besonders wertvolle Probanden für die Forschung erwiesen. Eineiige Zwillinge haben dasselbe Erbgut, zweieiige Zwillinge dagegen stammen aus zwei verschiedenen befruchteten Eizellen. Durch den Vergleich beider Gruppen ist es möglich festzustellen, welchen Einfluss die Gene und welchen die Umwelt hat. Auch die Forscher aus London und Stockholm verglichen die Angaben ihrer eineiigen und zweieiigen Zwillinge und konnten so errechnen, welchen prozentualen Anteil das Erbgut, gemeinsame Erfahrungen und individuelle Erlebnisse an der Wahl der Sexualität hatte. Wäre Homosexualität genetisch festgelegt, hätten alle eineiigen Zwillingsgeschwister entsprechend schwul, lesbisch oder heterosexuell sein müssen.

"Die Studie beendet die Überlegungen, nach denen wir nach einem 'Homo-Gen' suchen oder einer einzigen Variable" fasst Qazi Rahman zusammen, Co-Autor der Studie und führender Wissenschafter auf dem Gebiet der Sexuellen Orientierung. Die Faktoren, die die sexuelle Orientierung steuern, seien sehr komplex. "Aber wir sprechen hier nicht nur über Homosexualität. Auch Heterosexualität wird von einem Mix aus Genetik und Umweltfaktoren beeinflusst."

 
Leserkommentare
  1. 1. Kinsey

    War die Forschung nicht schon mal soweit, auzuerkennen, dass Bisexualität in gewissen Graduierungen bei ca. 90 % der Menschen auftritt?

  2. "Wäre Homosexualität genetisch festgelegt, hätten alle eineiigen
    Zwillingsgeschwister entsprechend schwul, lesbisch oder heterosexuell
    sein müssen."Ich denke auch, dass wir da schon weiter waren: Es gibt nicht nur homo- und heterosexuell, selbst die Einteilung in homo, hetero und bi kommt der Realität nicht nahe genug.

  3. auf ihren eigenen artikel "Erbgut in Auflösung" von Ulrich Bahnsen vom 12.06.2008der läßt diesen artikel und alle ergebnisse der zwillingsforschung in etwas anderem licht erscheinen......

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich habe mir genau das Gleiche gedacht. :)

    • Arocas
    • 02.07.2008 um 13:02 Uhr

    Leider ist der Artikel nicht mehr zu finden :-/  ...

    Der Gedanke kam mir auch spontan, aber es scheint, als müsste sich die "Revolution" in der Genetik erst noch durchsetzten, und sowas dauert bekanntermaßen seine Zeit. Nach den Erkenntnissen aus dem Artikel "Erbgut in Auflösung" könnte man doch gar nicht mehr zwischen Umweltfaktoren und genetischen Ursachen unterschien, nicht? 

    Ich habe mir genau das Gleiche gedacht. :)

    • Arocas
    • 02.07.2008 um 13:02 Uhr

    Leider ist der Artikel nicht mehr zu finden :-/  ...

    Der Gedanke kam mir auch spontan, aber es scheint, als müsste sich die "Revolution" in der Genetik erst noch durchsetzten, und sowas dauert bekanntermaßen seine Zeit. Nach den Erkenntnissen aus dem Artikel "Erbgut in Auflösung" könnte man doch gar nicht mehr zwischen Umweltfaktoren und genetischen Ursachen unterschien, nicht? 

    • Anonym
    • 01.07.2008 um 13:04 Uhr

    Bei allem Respekt: das Aktuellste an diesem Artikel ist das Datum.

    • marxo
    • 01.07.2008 um 14:00 Uhr
    5. Huja

    Sicherlich wurden in dieser hier so hervorragend aufbereiteten Studie mit dem überhaupt nicht kritisierten Datenfundus aus der Zwillingsforschung auch so diffizile Fakten wie verleugnete Homosexualität und die Psychoanalyse berücksichtigt. Daraus erklärt sich auch, warum man aus lauter Selbstverständlichkeit die angeblichen "Beweise" für genetische Heredität der Homosexualität gar nicht erst ansprechen muss. Jeder Mensch hat homoerotische Tendenzen. Wer das Gegenteil behauptet, hat Grund zur Verleugnung. Eine "gemeinsame" Erziehung ist eben überhaupt kein Beweis für irgend eine sexuelle Orientierung außer verleugneter Homosexualität durch gewaltsame Einschüchterung und Homophobie in der Familie. http://myblog.de/nichtide...

  4. Der deutsche Gesetzgeber sollte endlich die Ehe für Schwule und Lesben öffnen so wie viele andere Länder auf dieser Welt, letztens sogar der Staat Kalifornien. Die immer noch stattfindende Diskrimminierung wird vor allem motiviert durch die katholische Kirche von vielen christlich demokratischen und christlich sozialen Politikern auf Grund einer altvorderen Moral i. S. einer Heterodemokratur betrieben, allen Erkenntnissen zum trotz.

    Eine Leserempfehlung
  5. Ich habe mir genau das Gleiche gedacht. :)

    Antwort auf "ich verweise"
    • Arocas
    • 02.07.2008 um 13:02 Uhr

    Leider ist der Artikel nicht mehr zu finden :-/  ...

    Antwort auf "ich verweise"

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