Netzkultur Ist die Zukunft virtuell?
Das Bitfilm-Festival prämiert die spannendsten Trickfilme aus der Netzgemeinde. Ein Gespräch mit Bitfilm-Gründer Aaron Koenig über virtuelle Kinosäle und Machinima anlässlich der diesjährigen Preisverleihung
ZEIT ONLINE: Herr Koenig, zunächst einmal: Was ist Machinima?
Aaron Koenig: Ganz allgemein gesprochen sind das Filme, die mit Computerspielen gemacht sind. Es sind keine Animationsfilme im klassischen Sinne. Sie entstehen nicht von Frame zu Frame, sondern als eine Art digitaler Puppentrick, live . Das Wort setzt sich aus den Worten machine , animation und cinema zusammen. Durch einen Schreibfehler wurde Machinema zu Machinima.
ZEIT ONLINE: Der Begriff geht auf Hugh Hancock zurück, einen Guru der Szene.
Koenig: Er war es, der den Begriff prägte und im Jahre 2000 die Seite www.machinima.com online stellte. Im selben Jahr bin auch ich zum ersten Mal auf diese Trickfilmspielart aufmerksam geworden. 2002 haben wir Hancock als Jurymitglied zu unserem Festival eingeladen. Auffallend ist, dass sich Machinima im Laufe der Jahre aus der reinen Spielerszene hinaus bewegt hat. Anfänglich war das Phänomen Machinima oftmals interessanter als die Filme selbst. Mittlerweile gibt es eine riesige Anzahl wirklich spannender Filme.
ZEIT ONLINE: Was hat sich in den vergangenen Jahren am stärksten verändert?
Koenig: Machinima entsteht heute oft in virtuellen Welten. Man kann Machinima zum Beispiel in Second Life drehen. Dies eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Man kann seine Komparsen zusammentrommeln, man kann Dinge ausschreiben. Wir arbeiten mit Twinity zusammen, einer virtuellen Welt, die gerade im Entstehen ist und in der wir unsere eigene Stadt haben, Bitropolis . Twinity ist im Vergleich zu Second Life stärker an der Realität angelehnt, weniger eskapistisch. In Twinity möchte man sich selbst darstellen, wie bei Xing oder Facebook, und kann sich gleichzeitig durch eine Welt bewegen, die an der wirklichen angedockt ist. Es ist eine Art Google Earth mit Avataren. Ich denke, dass dieses Thema, dreidimensionales Internet, seine Berechtigung hat und in der Zukunft noch wichtiger werden wird.
ZEIT ONLINE: Die Preisverleihung des Bitfilm -Festivals findet zeitversetzt auch in der virtuellen Stadt Bitropolis statt. Parallel bespielen Sie einen Kinosaal in dieser virtuellen Welt. Wird sich der Ort Kino irgendwann erledigen? Ist die Zukunft virtuell?
Koenig: Das Entscheidende an diesen virtuellen Welten ist, dass man andere Menschen trifft. Das ist im Grunde genommen auch beim Kino im wirklichen Leben so. Man verabredet sich ins Kino, um sich anschließend zu unterhalten. Das Kino ist heute gefährdet durch DVD und Downloads. Es hat seine Berechtigung vor allem als sozialer Treffpunkt. Ich glaube nicht, dass die virtuellen Welten das ersetzen können. Aber sie können etwas anderes: Auch sie können eine Art Treffpunkt sein, der einen mit anderen Avataren ins Gespräch bringt, zumal das im virtuellen Kinosaal niemanden stört. Das Kino ist für uns in der virtuellen Welt eher eine Metapher. In den virtuellen Clubs und Bars wird im Vergleich immer mehr los sein. Aber jeder kann sich einen Cube mieten und sozusagen sein eigenes kleines Kino aufmachen, um Freunde einzuladen. Ich denke, künftige virtuelle Kinos werden an eine Lounge erinnern, in der zwar auch eine Leinwand steht, die Begegnung aber das Entscheidenden ist.
ZEIT ONLINE: Als 2005 die Unruhen in den französischen Banlieus stattfanden, sorgte der Machinima-Beitrag The French Democrazy für Aufsehen, da er aktuell auf die Ereignisse reagierte. Ist Machinima politisch?
Koenig: Zumindest kann Machinima das sein. Machinima ist viel schneller zu realisieren als ein klassischer Animationsfilm, an dem man schon einmal ein paar Monate sitzen kann. Bei dokumentarischen Dingen würde ich trotzdem denken, man greift eher zu einer normalen Kamera. Allerdings gibt es genügend Felder, genügend Themen, die nicht so einfach nachzustellen sind. Machinima ist da eine Möglichkeit. Machinima kann aktueller sein als jede andere Tricktechnik. Mehr noch: Machinima kann live sein. Machinima ist somit ziemlich nah am Realfilm. Man kann Schauspieler dirigieren, man kann einen Dokumentarfilm in der virtuellen Welt drehen. Im Rahmen des Festivals ist Machinima, was die User-Beteiligung angeht, der zweitbeliebteste Bereich, nach den 3-D-Animationen.
ZEIT ONLINE: Die ersten Machinima-Filme entstanden durch das Hacken von Computerspielen. Wie sieht die Rechtslage heute aus?
Koenig: Die Anfänge waren eindeutig illegal, aber man sollte zwischen legal und legitim unterscheiden. Ich kann die Hackerethik nachvollziehen. Unser Urheberbegriff steht teilweise dem Fortschritt im Weg. Er ist Ausdruck einer veralteten Denkweise.
ZEIT ONLINE: Im Rahmen des Festivals verleihen Sie Preise in sechs Kategorien. Neben dem Machinima-Award werden 3-D-Animation, Flash, Filme fürs Handy, aber auch Realtime-Animationen und Mischformen prämiert. Welcher Kategorie gehört die Zukunft?
Koenig: Ich denke, dass diese Kategorien sich nach und nach aufweichen werden. Gleichwohl bin ich der Ansicht, dass vor allem die Echtzeit-Themen, wozu eben auch Machinima gehört, das größte Potenzial haben.
Das Gespräch führteMarkus Zinsmaier
- Datum 20.08.2008 - 11:43 Uhr
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- Quelle ZEIT online
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Ein weiterer Schritt, die Beiträge der Netzgemeinde Salonfähig zu machen. Schließlich müssen sie sich jetzt Machinmas mit Filmen und nicht mehr mit "gewalthaltigen Spielen", aus denen sie zum Teil stammen, vergleichen. Teile der Machinmas sind besser als das, was man heute im TV oder Kino zu sehen bekommen. Hochachtung vor den Schöpfern!
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