Junge Literatur Krieg ist ein Tiefkühlgericht

Befindlichkeitslyrik? Aber gern! Lydia Daher schreibt lässige Gedichte von kleinen und großen Niederlagen. Im Interview erzählt sie von Pop, Poesie und der Avantgarde

Lydia DaherKein Tamtam für diesen TagBelletristikVoland und QuistLeipzig20089312,80

Seit ihr Debütalbum im Oktober 2007 erschienen ist, liegt Lydia Daher die musikalische Fachwelt zu Füßen. Zuvor schon hatte die deutsch-libanesische Sängerin auf den deutschen Poetry-Slam-Bühnen Aufsehen erregt. Ihr neuer Gedichtband „Kein Tamtam für diesen Tag“ offenbart ein lyrisches Talent, das auch den seriösen Literaturbetrieb aufhorchen lässt.

ZEIT ONLINE: Frau Daher, die Verkaufszahlen von Gedichtbänden halten sich in überschaubaren Grenzen. Poetry-Slams und Lyrik-Festvals hingegen finden enormen Zulauf. Wie erklären Sie sich das?

Lydia Daher: Wäre es nicht komisch, wenn es umgekehrt wäre? Ein Gedicht ist viel mehr als nur ein Blatt Papier mit Wörtern drauf. Die längste Zeit der Geschichte verfügten wir ausschließlich über die Möglichkeit zur mündlichen Überlieferung, die Gedichte lebten in den Köpfen der Menschen und nirgendwo sonst. Wir nehmen Lyrik noch immer zu sehr vor dem Hintergrund unserer Literalität wahr. Zurzeit scheint so etwas wie eine Rückbesinnung auf die Wurzeln der Poesie stattzufinden. Und die liegen nun mal im oralen Vortrag.

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ZEIT ONLINE: Sie haben mit der bühnentauglichen Slam-Poesie begonnen. Von hier zum Deutschpop ist es nicht weit. Könnte es sein, dass der Schritt zur Musik sich auf Ihre lyrische Arbeit ausgewirkt hat? Ihre neuen Gedichte erscheinen weniger dem Slam als der Poesie verpflichtet zu sein.

Daher: Slam, Pop, Lyrik in Buchform – das sind ja alles Einzeldisziplinen, deren Entwicklung quasi parallel verläuft und die ganz unterschiedliche Herangehensweisen verlangen. Beim Slam ist in erster Linie wichtig, das Interesse des anwesenden Publikums zu wecken und zu behalten. Die Gedichte hingegen, die ich fürs Buch geschrieben habe, müssen nicht nur vorlesbar, sondern auch lesbar sein, also auf dem Papier bestehen können. Einen Songtext zu schreiben ist vielleicht am einfachsten, weil es da eine starke Interaktion gibt zwischen Musik und Text. Ich habe eine kleine Melodie im Kopf, spiele damit herum, die Worte kommen dann fast von alleine. Oder eben umgekehrt.

ZEIT ONLINE: Ein Zeit lang hatte man den Eindruck, als müsse die Lyrik hierzulande so avantgardistisch wie möglich sein. Ist das Schlimmste jetzt überstanden?

Daher: Schlimmer geht immer! Und Avantgarde an sich heißt ja nichts Schlechtes, sondern Vorhut, Spähtrupp. Wir brauchen Leute, die neue Wege erkunden und eben auch freischlagen. Ein Weg ist nur dann ein Weg, wenn er auch benutzt wird. Avantgarde, die nicht irgendwann wenigstens rudimentär im Kanon ankommt, hat ihre Funktion verfehlt und wird reiner Selbstzweck.

ZEIT ONLINE: Ihre Veröffentlichung Kein Tamtam für diesen Tag ist ein guter Beleg dafür, dass die Menschen wieder unmittelbar bewegt werden wollen. Sehen Sie das auch so? Woran könnte das liegen?

Daher: Nur Lyrik, die verstanden wird, wird auch gebraucht. Vielleicht setzt sich so langsam die Erkenntnis durch, dass man auch Hochkultur sein kann, wenn die Bilder, die man findet, nachvollziehbar sind. Auf welche Weise auch immer. Ich versuche jedenfalls, so zu arbeiten. Lyrik und Klartext sind nicht per se Gegensätze. Auch wenn viele das nach wie vor glauben.

Leser-Kommentare
  1. 1. saftig

    schönes interview. kluge fragen, kluge antworten. 

    • ROFI
    • 09.07.2008 um 23:07 Uhr

    ein wirklich schön geführtes Interview, einfach und echt. schließe mich dem Kommentar zuvor an, kluge Fragen, kluge Antworten.

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