Dieser Alfred Gusenbauer aus Ybbs an der Donau ist ein tragischer Fall. Noch keiner seiner Vorgänger am Wiener Ballhausplatz hat sich so ungeniert und hemmungslos darüber gefreut, endlich Kanzler zu sein. So unkritisch hat auch noch keiner die krachende Wahlniederlage seines Gegners als eigenen Wahlsieg missverstanden. So kläglich wie er hat dann auch noch keiner die anschließenden Regierungsverhandlungen mit dem besiegten Gegner verloren. Und daher ist auch keiner vor ihm so früh und vor allem so brutal politisch entsorgt worden. Mehr als eine historische Fußnote in der Geschichte seines Landes wird "der Gusi" kaum sein. Und wenn er auch selbst die Hauptschuld an dieser entwürdigenden Demontage trägt, irgendwie war das ungerecht.

Gusenbauer war freilich schon am Ende, als die Große Koalition in Österreich noch eine war. Seine Sozialdemokratische Partei hätte ihn, den Kanzler und Vorsitzenden, angesichts zunehmend katastrophaler Umfragedaten gerne komplett aus dem Verkehr gezogen, in beiden Funktionen. Vermutlich wäre das die schmerzlichere, aber klare Lösung gewesen. Die hat die Parteiführung sich aber nicht zugetraut. Daher hat sie ihn vor vier Wochen – am Tag des EM-Spiels Österreichs gegen Deutschland – nur zur Hälfte beseitigt – als Parteichef.

Neuer Vorsitzender, dies zur Erinnerung, wurde Gusenbauers sogenannter Infrastrukturminister, der Wiener Sozialdemokrat Werner Faymann. Er ist wie "Gusi" 48 Jahre alt, genau wie er Parteiberufsfunktionär seit Jugendtagen, allerdings viel weniger belesen und fremdsprachenkundig, dafür ungleich telegener (was miteinander zusammenhänge, wie Parteifreundinnen in Kenntnis der Lebenswege der beiden über sie spotten: Gusenbauer, den Mädchen nicht ablenkten, sei ein Streber gewesen, Faymann, der es auf vier Semester Jura brachte, das Gegenteil).

Fortan war Gusenbauer ein Kanzler auf Abruf, nicht nur Lame Duck, wie man das am Ende einer Amtszeit nun mal ist, sondern regelrecht angeschossen. Waidwund. Das sein Ende auch als Kanzler dann so schnell kommen würde, war dennoch überraschend. Nach dem berüchtigten "Leserbrief" der vermeintlichen SPÖ-"Doppelspitze" an das antieuropäische Massenblatt Kronenzeitung , in dem Kanzler und Parteichef ohne Rücksprache mit der eigenen Partei, erst recht ohne Vorwarnung an den konservativen Koalitionspartner ÖVP, eine europapolitische Kurswende der Partei angekündigt hatten, war das Fass voll. Die Christdemokraten beendeten das Bündnis, die "Sozis", davon offenbar doch überrascht, verlangten Neuwahlen und kündigten Faymann als Kanzlerkandidaten an. Gusenbauer aber würde weiterhin als Kanzler amtieren, was den Wählern die Kuriosität des sozialdemokratischen Debakels fortan täglich wirkungsvoll vor Augen führen wird. Strategien sahen früher anders aus.

Inhaltlich war diese Wiener Große Koalition schon lange am Ende. Vergleiche mit den schwierigen schwarz-roten Bündnissen in den Haag und Berlin sind nur bedingt möglich. Die Koalitionen mögen unbeliebt sein, auch in den Niederlanden profitiert wie in Österreich der immigrations- und europafeindliche Rechtspopulismus, in Deutschland zerreibt die SPD sich zwischen sozial aufgehübschter Christdemokratie und populistischer Linker. Aber in beiden Hauptstädten wird immerhin regiert. Von der rot-schwarzen Regierung in Wien konnte man das seit ihrer Bildung im Januar 2007 eigentlich nie so richtig sagen.

Der konkrete Anlass zum endgültigen Bruch aber ist legitim und politisch brisant: Eben jenes populistische Versprechen der beiden Spitzen-Sozialdemokraten an den "Krone"-Gründer und -Herausgeber Hans Dichand, 87, Einpeitscher der österreichischen Anti-EU-Volksfront, wichtige EU-Verträge in Österreich künftig nur noch per Volksabstimmung ratifizieren zu wollen. "Armes Österreich, armes Europa, das von solchen Opportunisten geführt wird", schrieb dazu Joschka Fischer vergangene Woche in seiner ZEIT-ONLINE-Kolumne.