München. Während der Urteilsverkündung taten die beiden Angeklagten unbeeindruckt. Sehr überraschend konnte es für Serkan A. und Spyridon L. tatsächlich nicht gewesen sein, dass sie verurteilt wurden. Für zwölf Jahre sowie acht Jahre und sechs Monate müssen die Angeklagten wegen versuchten Mordes hinter Gitter. Die Kammer war fast genau dem Antrag der Staatsanwaltschaft gefolgt. Gelassen waren aber beide dennoch nicht.

Serkan, der ältere, in München geborene Mann blickte immer wieder zur Empore hoch, wo seine türkische Familie saß. Dort, das war deutlich zu bemerken, würde das eigentliche Urteil über ihn gesprochen werden. Milde darf er sich nicht erwarten. Die Mutter sei sehr zornig auf ihren Sohn, heißt es, will ihn aber nicht verstoßen. Mit dem Vater soll er sich kürzlich geprügelt haben, als sich die beiden nach langer Zeit trafen. Seine beiden Schwestern liefen unmittelbar nach der Urteilsverkündung weinend aus dem Gerichtssaal.

Der andere Verurteilte  ist ein junger Grieche, Spyridon, der erst vor einigen Jahren aus seiner Heimat nach München gekommen war. Er wurde nach dem Jugendstrafrecht bestraft, da er zur Tatzeit erst 17 Jahre alt war. Spyridon war in einer hellen Joggingjacke und abgewetzten Jeans im Gericht erschienen. Er stützte den Kopf schwer in die Hand und vermied es, in die wieder bis zum letzten Platz gefüllten Zuschauerränge zu schauen.

"Haltlos und planlos" hätten die beiden dahingelebt, sagte Richter Reinhold Baier und skizzierte die Lebensläufe zweier Jugendlicher, die in dieser Gesellschaft nie wirklich Fuß gefasst hatten, die geradezu rituell Alkohol konsumierten und nur durch Gesetzesverstöße auf sich aufmerksam machten. Der Überfall auf den Rentner kurz vor Weihnachten war der Höhepunkt einer kriminellen Karriere, die sich speziell bei Serkan lange zurückverfolgen lässt und trotz aller therapeutischen Interventionen nicht zu stoppen war. Einen "gnadenlosen, in seiner Rohheit kaum zu überbietenden Überfall" habe das Gericht zu würdigen gehabt, so der Richter.

Das Opfer hatte das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Der pensionierte Schuldirektor hatte schon in seiner Dienstzeit mit pädagogischen Furor dafür gesorgt, dass in seinem Institut nicht geraucht wurde. Nach der Weihnachtsfeier seiner ehemaligen Schule befand er sich um zehn Uhr abends im U-Bahnhof Arabellapark und ermahnte die beiden Jugendlichen: "Hier wird nicht geraucht." Stellvertretend für alle anderen bekam er deren ganze Wut und Aggression ab. Dass der Rentner überhaupt überlebte, ist angesichts eines dreifachen Schädelbruchs fast ein Wunder. Dass er seither über Schwindelanfälle klagt und kaum noch in der Lage ist, ein Buch zu lesen, gehört zu den Spätfolgen. So war es auch wenig verwunderlich, dass der ehemalige Lehrer eine Entschuldigung der beiden Angeklagten rundweg ablehnte.

In einem anderen Punkt führte der Prozess auch zu Klarheit: Es hatte im Vorfeld keine rassistische Äußerung des Opfers gegeben noch irgendeine andere Provokation. Rassistisch waren allein die Beschimpfungen, mit dem Serkan das Opfer bedachte: "Scheißdeutscher" nannte er ihn.