Internetspiele Anruf von der Spielfigur

Alternate Reality Games sind Rollenspiele, die bis ins wahre Leben reichen. Literaturwissenschaftler erkennen hier schon eine neue Art des Geschichtenerzählens

Eines Morgens fischte der britische Literaturwissenschaftler Sebastian Mary einen seltsamen Umschlag aus seinem Briefkasten. Darin: zwei Kapitel einer Krimigeschichte mit dem Titel „Looking for Headless“ nebst der Einladung zu einer privaten Party. Er hatte keinen blassen Schimmer, wer ihm das geschickt haben mochte. Das Treffen sollte in einem anonymen Bürokomplex in London stattfinden. Im Begleitschreiben tauchte der Name einer Geheimgesellschaft auf: Acéphale, gegründet von Georges Bataille im Jahr 1936. Zwei schwedische Künstler hatten angeblich auf den Bahamas eine Off-Shore-Company entdeckt, die den gleichen Namen trug und die sie seit einem Jahr beobachteten. Sie waren über die eigenartigen Gemeinsamkeiten gestolpert: eine Geheimgesellschaft des Philosophen des Bösen, eine Heuschrecken-Firma, Ähnlichkeiten im Vokabular ... Sollte die Geheimgesellschaft wieder auferstehen?

Mary fing an zu recherchieren. Im Netz stieß er auf das Blog eines Protagonisten aus dem Manuskript. Einen gewissen John Barlow gab es offenbar wirklich. Er war vor Kurzem mit seinem Segelboot in die Bahamas aufgebrochen, um nach "Headless" zu suchen. In seinem Reise-Blog berichtete er von seinen Entdeckungen.

Anzeige

Sebastian Mary vermutete bald, dass es sich bei der Geschichte um ein sogenanntes ARG handelt – ein Alternate Reality Game . Mary selbst kennt sich da aus. Gehört er doch zum Institute for the Future of the Book . Laut Selbstauskunft ist das ein think-and-do-tank der University of Southern California . Auf der Webseite if:book machen sich die Forscher über die Zukunft des Buchs Gedanken. Und sehen im ARG bereits einen heißen Kandidaten dafür.

Tatsächlich werden solche Rätselgeschichten von der informierten Netzcommunity mit wachsender Begeisterung gespielt. ARGs beginnen meist mit einer Recherche, bei der man Webseiten nach Hinweisen durchsuchen muss, die Blogs von "Verdächtigen" liest, Informationen zusammenträgt. Oft geht es um verschwundene Personen, unerklärliche Vorkommnisse und böse Mächte. Und meist kommt man nur voran, wenn man Rätselaufgaben löst - einen Zugangscode für eine Webseite entschlüsselt zum Beispiel.

Die Rätsel sind so knifflig, dass man sie nur gemeinsam lösen kann. Im Netz gründen sich Foren, wo sich die Spieler über den Fortgang der Geschichte austauschen. So können sich Recherchen über Wochen und sogar Monate hinziehen. Das Besondere an dieser Art von Games ist, dass die Hinweise  auch in der wirklichen Welt versteckt sein können. Mal muss man bei einer Firma anrufen. Mal erhält man Pakete, muss Schließfächer leeren oder sich mit echten Informanten treffen.

Diese Spiele kommen aus dem englischsprachigen Raum. Dort sind die ARGs schon seit etwa 2001 bekannt. Deutsche Spieler konnten lange Zeit nur aus der Ferne zuschauen. Erst Spiele wie push11 , das Ende vergangenen Jahres lief, ließen sie vor Ort teilnehmen. Heute gibt es auch hierzulande immer wieder neue Spiele , in die Interessenten einsteigen können.

Leser-Kommentare
    • ben_
    • 11.07.2008 um 23:39 Uhr
    1. Seufz

    Schön, dass die Zeit jetzt auch ARGs entdeckt hat. Nach dem Untergang der Netzliteratur haben wir endliche wieder Fiktion im Netz. Und genau wie die Netzliteratur der späten 90er sind die ARGs Avantgarde: Was im Netz passiert hat immer mehr Anschlußpunkt nach draußen, sowohl technisch dank GPS und Smartphones, viel mehr aber noch gedanklich, konzeptuell. Der Leitspruch des Web 2.0 "Wir sind das Netz" wird schon bald nicht nur von Menschen, sondern von Orten, Gebäuden, Dingen einfach allem geflüstert werden.Schade das der Artikel die traurige Seite von ARGs verschweigt: Als neues Marketing-Instrument. Ziel ist zuerst der Verkauf, nicht die Unterhaltung. Das alleine schon sollte Literaturwissenschaftler stutzig machen. Aber was soll ich sagen? Ich habe damals auch an die Zukunft der Netzliteratur geglaubt. Wer bin ich, dass ich heute jemandem Vorwürfe machen könnte, der Hoffnungen in ARGs steckt?
    --
    der geist in der maschine

    • AnneH
    • 12.07.2008 um 11:21 Uhr

    Ich finde den Artikel sehr interessant, wüsste aber gern mehr zu der Behauptung, dass Literaturwissenschaftler ARGs schon als neue Form der Literatur sehen. Ich habe das gerade mal gegoogelt und da keine Aufsätze von Literaturwissenschaftlern zu gefunden. Können Sie mir da weiterhelfen?

    • Lodda
    • 13.07.2008 um 12:06 Uhr

    Womöglich beschwört die Behauptung, bei den ARGs handele es sich um eine neue Form der Literatur, den inflationären Textbegriff der Kulturwissenschaften, der bei Verlangen auf jede noch so literaturfremde Struktur projiziert werden kann. Ein solcher "offener" Textbegriff existiert spätestens seit dem Aufstieg des Strukturalismus (und dessen Vertretern wie u.a. Saussure, Althusser, Barthes) zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In den 1960er Jahren wurde er unter dem Einfluss des Poststrukturalismus (Derrida, Foucault, Kristeva) dann noch einmal radikalisiert. Derrida hat in einem seiner Hauptwerke - der Grammatologie (1967) - sinngemäß geschrieben: Es gibt nichts außerhalb des Texts. Das bedeutet stark vereinfacht soviel wie: Texte sind keine geschlossenen, zentrierten Zeichensysteme, sondern erhalten ihre "Bedeutung" durch die Wechselwirkungen mit ihrem Kontext, d.h. mit anderen Texten, Zeichensystemen etc. Kristeva hat in diesem Zusammenhang den Begriff der "Intertextualität" geprägt. Barthes hat schließlich den Versuch unternommen, einen solchen Textbegriff auf Gegenstände der Alltagskultur anzuwenden (Autos, Mode, Sport, Fernsehen usw.) Solche Themen oder Gegenstände der Alltagskultur wurden von Barthes als Texte gelesen, die eine Oberflächen- und eine Tiefenstruktur aufweisen, d. h. ähnlich wie literarische Texte codierbar und interpretierbar sind. Wenn man nun die ARGs im Sinne einer solchen Textualität versteht, deren Elemente eben nicht auf dem Papier, sondern "in der Wirklichkeit" verankert sind, dann kann man sie als eine Form der "Literatur" bezeichnen. Ob sie das deswegen auch für die Literaturwissenschaft interessant macht, bleibt wohl erst einmal abzuwarten.Ein weiterer Anknüpfungspunkt wäre die Tatsache, dass die Literaturwissenschaft in jüngerer Vergangenheit vermehrt dazu übergegangen ist, Wirklichkeit konstruktivistisch zu deuten. Wahr bzw. wirklich ist nach dieser Theorie genau das, was wir uns selbst als Wirklichkeit entwerfen. Das Medium dieser Wirklichkeitsentwürfe ist die Erzählung. Dadurch wird die einst unterstellte Grenze zwischen Fiktionalität und Wirklichkeit durchlässigt. ARGs setzen nach dieser Auffassung eigentlich nur den in dieser Bewegung angelegten Trend fort und übertragen ihre Fiktionalität unmittelbar in die gelebte Alltagswelt der "Rezipienten". Man könnte also auch in diesem Fall von einer Art "Literarisierung" (im Sinne einer narrativen Fiktionalisierung) der Lebenswirklichkeit durch die ARGs sprechen. Inwiefern das plausibel und fruchtbar ist, soll jeder für sich selbst entscheiden.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service