Internetspiele Anruf von der SpielfigurSeite 3/3
Dennoch sind die freien Spiele aus der Grassroots-Szene nicht zwangsläufig beliebter als die, hinter denen die Gewinninteressen von Microsoft oder einer Fastfood-Kette stehen. „Dabei überwiegt dann die Angst, dass sich die Hobby-Betreiber übernehmen und das Spiel nicht bis zum Ende durchziehen“, sagt Patrick Möller. Als McDonald's sein Emblem wieder verkleinert hatte und sich mit einem Platz im Abspann begnügte, verstummte die Kritik. Laut McDonald's hat das Spiel 150.000 Teilnehmer angezogen. „Entscheidend bleibt, ob die Story gut ist“, sagt Möller.
Es gibt so was wie ein stillschweigendes Einvernehmen unter den Mitspielern, die Illusion des Plots so wenig wie möglich durch Diskussionen um das Spiel selbst zu zerstören. Der Spieler geht einer scheinbar sinnhaften Aufgabe nach, er tut so, als handelte es sich um einen tatsächlichen Hilferuf. In einem gelungenen ARG kommt es fast gar nicht vor, dass diese Illusion zerstört wird.
Im Gegenteil. Roland, ein Mitspieler von Push11 , wurde im Spielverlauf beim Bücherkauf beobachtet. Wenig später bekam er die Warnung, seine Ermittlungen lieber sein zu lassen, wenn ihm sein Leben lieb sei. „Da kamen doch schon Zweifel, ob es wirklich ein Spiel oder die Wirklichkeit ist“, erzählt Roland. Andere Spieler wurden per Telefonanruf vom mutmaßlichen Serienmörder zum Showdown an den Berliner Teufelssee bestellt. Im Grunewald begann es bereits zu dunkeln.
Der "Killer" dirigierte die Spieler per Satellitentelefon um den See, wo sie Opfer einer Entführung wurden, mit Augenbinde und Kopfhörern. Einer der Mitspieler berichtet: „Ich hab mich gegruselt wie ein kleiner Junge.“
- Datum 11.07.2008 - 18:47 Uhr
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Schön, dass die Zeit jetzt auch ARGs entdeckt hat. Nach dem Untergang der Netzliteratur haben wir endliche wieder Fiktion im Netz. Und genau wie die Netzliteratur der späten 90er sind die ARGs Avantgarde: Was im Netz passiert hat immer mehr Anschlußpunkt nach draußen, sowohl technisch dank GPS und Smartphones, viel mehr aber noch gedanklich, konzeptuell. Der Leitspruch des Web 2.0 "Wir sind das Netz" wird schon bald nicht nur von Menschen, sondern von Orten, Gebäuden, Dingen einfach allem geflüstert werden.Schade das der Artikel die traurige Seite von ARGs verschweigt: Als neues Marketing-Instrument. Ziel ist zuerst der Verkauf, nicht die Unterhaltung. Das alleine schon sollte Literaturwissenschaftler stutzig machen. Aber was soll ich sagen? Ich habe damals auch an die Zukunft der Netzliteratur geglaubt. Wer bin ich, dass ich heute jemandem Vorwürfe machen könnte, der Hoffnungen in ARGs steckt?
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der geist in der maschine
Ich finde den Artikel sehr interessant, wüsste aber gern mehr zu der Behauptung, dass Literaturwissenschaftler ARGs schon als neue Form der Literatur sehen. Ich habe das gerade mal gegoogelt und da keine Aufsätze von Literaturwissenschaftlern zu gefunden. Können Sie mir da weiterhelfen?
Womöglich beschwört die Behauptung, bei den ARGs handele es sich um eine neue Form der Literatur, den inflationären Textbegriff der Kulturwissenschaften, der bei Verlangen auf jede noch so literaturfremde Struktur projiziert werden kann. Ein solcher "offener" Textbegriff existiert spätestens seit dem Aufstieg des Strukturalismus (und dessen Vertretern wie u.a. Saussure, Althusser, Barthes) zu Beginn des 20. Jahrhunderts. In den 1960er Jahren wurde er unter dem Einfluss des Poststrukturalismus (Derrida, Foucault, Kristeva) dann noch einmal radikalisiert. Derrida hat in einem seiner Hauptwerke - der Grammatologie (1967) - sinngemäß geschrieben: Es gibt nichts außerhalb des Texts. Das bedeutet stark vereinfacht soviel wie: Texte sind keine geschlossenen, zentrierten Zeichensysteme, sondern erhalten ihre "Bedeutung" durch die Wechselwirkungen mit ihrem Kontext, d.h. mit anderen Texten, Zeichensystemen etc. Kristeva hat in diesem Zusammenhang den Begriff der "Intertextualität" geprägt. Barthes hat schließlich den Versuch unternommen, einen solchen Textbegriff auf Gegenstände der Alltagskultur anzuwenden (Autos, Mode, Sport, Fernsehen usw.) Solche Themen oder Gegenstände der Alltagskultur wurden von Barthes als Texte gelesen, die eine Oberflächen- und eine Tiefenstruktur aufweisen, d. h. ähnlich wie literarische Texte codierbar und interpretierbar sind. Wenn man nun die ARGs im Sinne einer solchen Textualität versteht, deren Elemente eben nicht auf dem Papier, sondern "in der Wirklichkeit" verankert sind, dann kann man sie als eine Form der "Literatur" bezeichnen. Ob sie das deswegen auch für die Literaturwissenschaft interessant macht, bleibt wohl erst einmal abzuwarten.Ein weiterer Anknüpfungspunkt wäre die Tatsache, dass die Literaturwissenschaft in jüngerer Vergangenheit vermehrt dazu übergegangen ist, Wirklichkeit konstruktivistisch zu deuten. Wahr bzw. wirklich ist nach dieser Theorie genau das, was wir uns selbst als Wirklichkeit entwerfen. Das Medium dieser Wirklichkeitsentwürfe ist die Erzählung. Dadurch wird die einst unterstellte Grenze zwischen Fiktionalität und Wirklichkeit durchlässigt. ARGs setzen nach dieser Auffassung eigentlich nur den in dieser Bewegung angelegten Trend fort und übertragen ihre Fiktionalität unmittelbar in die gelebte Alltagswelt der "Rezipienten". Man könnte also auch in diesem Fall von einer Art "Literarisierung" (im Sinne einer narrativen Fiktionalisierung) der Lebenswirklichkeit durch die ARGs sprechen. Inwiefern das plausibel und fruchtbar ist, soll jeder für sich selbst entscheiden.
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