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Die Arbeit der Kanzlerin

 |  © Karl Zink Verlag

Papst Benedikt XVI.
Wer etwas über diesen Papst erfahren möchte, muss auf seine Vorliebe für Fußnoten schauen. Hat er wenig zu ergänzen, besteht etwa ein Viertel der Buchseite aus Fußnoten. Hat er viel anzumerken, verkommt der Kerntext zu einem kleinen Streifen am oberen Seitenrand. Manchmal setzt der Papst eine Fußnote nur, um andere Fußnoten zu erklären, »siehe Anmerkung 18« schreibt er dann, man meint fast, die päpstlichen Fußnoten wären ein Buch im Buch, das sich auch gesondert lesen ließe.

Und spätestens hier will man ihn schon kennen, den Professorenpapst von heute, dessen Predigten klingen wie Vorlesungen in Fundamentaltheologie und der nach den medienwirksamen Auftritten seines Vorgängers Papst Johannes Paul II. die trockene Ausführlichkeit zum Stilmittel erhoben hat.

Es gibt nicht viele Doktorarbeiten, die sich so gut eignen würden, vorgelesen zu werden, wie die Arbeit Ratzingers. Wer sie liest, meint, den Papst sprechen zu hören, mit dieser liebenswürdigen Art, die Vokale zu verlängern und durch die Nase auszusprechen.

Was aber sucht man wirklich in der Doktorarbeit eines jungen Theologiestudenten, der später der Stellvertreter Gottes auf Erden werden soll? Das Erhabene vielleicht? Einen frühen Wink päpstlicher Unfehlbarkeit? Der junge Ratzinger schreibt über den heiligen Augustin, einen Kirchenphilosophen aus dem 4. Jahrhundert, der sich lange nicht sicher war, ob Gott nun existiert oder nicht. Von biblischer Epik sind darin vor allem die Satzlängen. In einem echten Ratzinger-Text kommt im Schnitt auf neun Zeilen ein Punkt. Chapeau, möchte man rufen, denn das, heißt es immer, schafft eigentlich nur Thomas Mann!

Dr. theol. Joseph Ratzinger, »Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche«, München 1953, 331 Seiten

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