Roman Die Sache der verlorenen PoesieSeite 2/2
Obwohl Schulz fantastische und traumhafte Elemente verwendet, gibt es in den Zimtläden überall konkrete Bezüge zu seiner eigenen Kindheit und Heimatstadt Drohobycz. Manchen sahen in ihm deshalb einen Autor des jüdischen Schtetls. Schulz hat bis zu seiner Ermordung Drohobycz nur zeitweise verlassen können. Nach dem Zerfall der österreich-ungarischen Monarchie gehörte es zunächst zu Polen und dann – nach dem Zweiten Weltkrieg – zur ukrainischen Sowjetrepublik. Schulz fühlte sich als Autor der Moderne zugehörig; unter seinen Freunden und Bekannten waren Witold Gombrowicz und Stanisław Ingnacy Witkiewicz, die beiden anderen wichtigen Vertreter der polnischen Avantgarde, mit denen er, nachdem ihn die Zimtläden schlagartig berühmt gemacht hatten, korrespondierte und sich in literarischen Zeitschriften auseinandersetzte.
Zudem hatte sich auch Drohobycz dem Einfluss der industriellen Welt nicht verschließen können. Erdölfunde in der Nähe der Stadt hatten es zur "Boomtown" gemacht, was in das Kapitel "Die Krokodilstraße" eingegangen ist.
An diesem Wort, "Krokodilstraße", lässt sich auch zeigen, dass die alte, von Joseph Hahn Anfang der sechziger Jahre angefertigte Übersetzung dazu beigetragen hat, Schulz als Autor des jüdischen Schtetls zu lesen. Hahn hatte noch "Krokodilgasse" übersetzt, bei der der heutigen Leser weniger an den Einbruch der industriellen Welt denkt als an die Enge einer mittelalterlichen Kleinstadt. Doreen Daume ist mit ihrer Neuübersetzung auch sonst gelungen, enger am polnischen Original zu bleiben, ohne dabei den Zauber der schulzschen Prosa zu zerstören. Die neue Übersetzung ist weniger barock und macht den Text besser zugänglich. Außerdem hat Daume an wichtigen Stellen die von Hahn verwendeten veralteten Ausdrücke dem heutigen Wortschatz angepasst, wie z.B. die "Mannequins", mit denen "Schneiderpuppen" gemeint sind.
Gleichzeitig mit der Neuübersetzung der Zimtläden ist Jerzy Ficowskis Biografie über Bruno Schulz erschienen. Ficowski hat sich wie kein anderer für das Werk des galizisch-jüdischen Autors und Zeichners eingesetzt, indem er bereits kurz nach dem Krieg begann, alle Zeugnisse aufzuspüren und herauszugeben. Er hat versucht, Freunde und Bekannte ausfindig zu machen, die Schulz kannten, und sie zu ihm zu befragen. Von daher ist seine Biografie als Materialsammlung unverzichtbar. Ein großer Teil beschäftigt sich jedoch mit der Interpretation der vorhandenen Werke und Briefe. Hier ist Ficowski nicht auf der Höhe der zeitgenössischen Interpretationskunst, was er freimütig im Vorwort selbst einräumt.
Wichtiger bleibt damit die Neuübersetzung der Zimtläden. Mit ihr kann auch der Schulz-Kenner einen neuen Bruno Schulz auf Deutsch entdecken.
- Datum 16.07.2008 - 16:29 Uhr
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Bei der Gelegenheit muss ich mal auf die wunderbare Comic-Adaption von Dieter Jüdt hinweisen, wenn das der Artikel schon nicht tut. Ein guter Anlass für mich, endlich mal das Original zu lesen.
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