Der Autozulieferer und Reifenhersteller Continental ist Ziel eines Übernahmeangriffs. Die Herzogenauracher Schaeffler-Gruppe, zweitgrößter Wälzlagerhersteller der Welt, bestätigte am Montag grundsätzliches Interesse an einem Engagement bei Conti. "Es hat ein kurzes Gespräch gegeben, und es wird möglicherweise noch weitere Gespräche geben", sagte Schaeffler-Unternehmenssprecher Detlef Sieverdingbeck. Auch Conti bestätigte einen ersten Kontakt. Details nannten beide Seiten nicht. Medienberichten zufolge plant Schaeffler ein Übernahmeangebot von mehr als 10 Milliarden Euro und soll bei Zurückweisung auch zu einer feindlichen Übernahme entschlossen sein.

Der überraschende Vorstoß des "stillen Riesen" aus Mittelfranken, der sich als familiengeführtes Unternehmen aus der Öffentlichkeit weitgehend zurückhält, beflügelte die Börse. Conti-Papiere setzten sich an die Spitze des Leitindex Dax. Der Aktienkurs, der nach dem Kauf von Siemens VDO im Sommer 2007 um fast die Hälfte geschrumpft war, sprang zwischenzeitlich um fast ein Viertel auf rund 67 Euro. Zugleich wurden Befürchtungen laut, Schaeffler könnte nach einer Übernahme den Konzern zerschlagen, um etwa durch den Verkauf der Reifensparte die Übernahme zu finanzieren.

Conti erklärte in Hannover, nach einem "ersten kurzen Gespräch" mit der Schaeffler-Gruppe Ende vergangener Woche habe es weitere Kontakte nicht gegeben. "Sobald die Schaeffler-Gruppe ihre Überlegungen substantiiert hat, wird der Vorstand der Continental AG diese prüfen und zu den Ergebnissen in angemessener Weise weiter informieren", hieß es in der Mitteilung. Conti-Sprecher Hannes Boekhoff erklärte: "Wir haben keine Berührungsängste gegenüber Investoren, die unsere langfristige Strategie unterstützen und das Unternehmen nicht zerschlagen wollen." Eine Trennung von der Reifensparte hatte Conti-Chef Manfred Wennemer bisher stets abgelehnt.

Für Wennemer ist es eine ungewohnte Situation. Übernehmen, statt selbst übernommen zu werden, war bisher sein fester Grundsatz im Konzentrationsprozess unter den Autozulieferern. Nach dem milliardenschweren Kauf der Siemens-Sparte VDO vor einem Jahr sah Wennemer Continental als endgültig etabliert in der "globalen
Champions League" der Branche. Dabei brachte der VDO-Kauf einige Probleme: Conti verschuldete sich hoch, um den Kaufpreis von rund 11,4 Milliarden Euro zahlen zu können. Die Nettofinanzschulden liegen bei rund 11 Milliarden Euro, der Schuldenabbau hat oberste Priorität. Zudem soll VDO zügig integriert und auf Rendite getrimmt werden. Zu diesem Zweck plant Conti, Tausende Stellen zu streichen. Auch Werksschließungen werden geprüft. Zusätzlich bereiten die hohen Rohstoffpreise vor allem im Reifengeschäft Probleme.

Anfang der neunziger Jahre versuchte der italienische Reifenhersteller Pirelli nach einem langen Kampf vergeblich, Continental zu übernehmen. Vor zwei Jahren brach ein Konsortium von Private-Equity-Unternehmen einen Übernahmeversuch ab. Nun also greift das Familienunternehmen Schaeffler nach Conti - gemessen an Umsatz und Zahl der Beschäftigten wirkt dies wie "David gegen Goliath".

Zu den genauen Zielen und Hintergründen hat sich Schaeffler bislang nicht geäußert. Laut Medienberichten will das Familienunternehmen Conti nach einer Übernahme von der Börse nehmen - genau dies tat Schaeffler 2001 nach dem Kauf des Wälzlagerherstellers FAG Kugelfischer.Eine Zerschlagung jedenfalls, mit einem möglichen Verkauf der Sparten Reifen und ContiTech, dürfte die Conti-Führung um Wennemer mit allen Mitteln verhindern wollen.