Hinter den Kulissen gab es  schon seit Jahren Verärgerung über Faruk Sen, nicht nur in der CDU-geführten Düsseldorfer Landesregierung. Seit Ende Juni drohte gar ein peinlicher Kündigungsschutzprozess vor Arbeitsgerichten, nachdem Sen in einer türkischen Zeitung die Türken als "Juden von heute" bezeichnet hatte. Am Dienstag hat nun Nordrhein-Westfalens Integrationsminister Armin Laschet (CDU) eine elegante Lösung für den umstrittenen Wissenschaftler gefunden: Die Verdienste des 60-Jährigen werden öffentlich gewürdigt, er bekommt bis zum Jahresende weiter sein volles Gehalt und darf in Izmir an einem seiner Lebensträume, einer deutsch-türkischen Universität, mitarbeiten. In sein Büro im Essener Institut wird er aber nicht mehr zurückkehren.

Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Sen, Mitglied der SPD, war eine Galionsfigur der rot-grünen Regierungszeit in NRW. Er hat das Zentrum für Türkeistudien mitbegründet, das unter seiner Führung seit 1985 lange vernachlässigte Themen rund um die sogenannten Gastarbeiter anpackte. Dass Türkischstämmige in Deutschland schon lange nicht mehr nur an Bändern schuften, sondern mit mittelständischen Unternehmen Milliarden umsetzen und viele Arbeitsplätze schaffen, hat Sen als einer der ersten in den Blick genommen. Dafür hat er hohe Auszeichnungen wie das
Bundesverdienstkreuz bekommen und wurde zum Professor ernannt.

Gleichzeitig begriff sich der ehrgeizige Wissenschaftler aber als Sprachrohr für die rund 2,5 Millionen türkischstämmigen Bürger in Deutschland. Seine Äußerungen zu aktuellen politischen Themen sorgten gelegentlich für Kopfschütteln - zum Beispiel als er den Deutschtürken vorschlug, ihr deutsches Kindergeld zur Unterstützung in der türkischen Heimat anzulegen.

Nach der Regierungsübernahme von Jürgen Rüttgers (CDU) in Nordrhein-Westfalen 2005 änderte sich für Sen das politische Klima. Schließlich ist das Zentrum eine Landesstiftung. Dass Sen 2006 etwa den Integrationsgipfel von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) als "reine Showveranstaltung" kritisierte, trug nicht zur Verbesserung des Verhältnisses zu Düsseldorf bei.

Beobachter in der Türkei warfen Sen auch vor, bei Auftritten in seinem Heimatland eine ganz andere Sprache zu sprechen als in Deutschland. Es gab Beschwerden von Botschaftsmitarbeitern; Sen werde dort zum "Mustertürken", der seinen deutschen Pass abgebe und anti-türkischen EU-Rassismus beklage, schrieb etwa die Süddeutsche Zeitung .

Ende vergangenen Jahres wurde in Düsseldorf ein Bericht des Landesrechnungshofs an die Presse lanciert, der Sens Institut und dem Direktor selbst Spesenmissbrauch vorwarf. Auch wenn Laschet das Zentrum später offiziell von allen Vorwürfen freisprach - der Ruf war angeknackst.

Spätestens an dieser Stelle hätte Sen vorsichtig werden müssen, beklagt ein früherer Mitarbeiter, doch er machte sich mit weiteren ungeschickten Äußerungen wie der Gleichsetzung von Türken und Juden in einem Zeitungsbeitrag angreifbar. Dass Sen kein Antisemit ist, war allen Beteiligten klar. Die fristlose Kündigung des Direktors wegen dieser Äußerung, die arbeitsrechtlich wohl wenig Chancen gehabt hätte, zeigte aber den Willen des Vorstands, nur ohne Sen weiterzumachen.