Der Rezensent D.P. war so enttäuscht vom neuen Album der Black Crowes, dass er für die März-Ausgabe des amerikanischen Männermagazins Maxim einen Verriss schrieb. Die Bluesrocker klängen ziemlich genauso, wie sie schon immer geklungen hätten, "versoffen und sklavisch den Stones verpflichtet". Solcher Berechenbarkeit gab er zweieinhalb von fünf Punkten. Allein – das fiel der Plattenfirma Silver Arrow ein paar Tage später auf – er konnte das Album nicht gehört haben, denn es war noch gar nicht erschienen. Die Zeitschrift entschuldigte sich wortreich, der Vorgang mache "der Kunst, dem Journalismus, den Kritikern, dem Album und der Öffentlichkeit eine Schande". Dass der Rezensent mit seiner Beschreibung eigentlich richtig lag, kümmerte hernach niemanden.

Sabine Müller und Max Nuscheler machen diese Schande zum Konzept. Für das Buch Kopfhörer stifteten sie 48 Autoren und Musiker an, es Maxim gleichzutun und ein nicht gehörtes Album zu rezensieren. "Plattenkritiken sind allgegenwärtig und meist belanglos", rechtfertigen sie ihre Unternehmung, "die inhaltlichen Aussagen scheinen eher begrenzt und enden meist in Phrasengebilden und Endloswiederholungen." Die nach dem Überfliegen der Promozettel und dem Schnelldurchlauf der CD verfassten Texte glichen eher einer Werbung denn einer Kritik.

So klingen die meisten Rezensionen in den Ohren der Herausgeber: "Ambitionierte Versionen von Plattenkritiken glänzen gerne durch die Eigenart vieler Schreiber, die eigene Person vehement zu positionieren. Erklärt der eine Rezensent, wie es ihm gerade so geht, in wessen Küche er zum ersten Mal die neue heiße Scheibe – beim Verzehr eines Avokadobrotes – hörte und wie unheimlich energetisch der Sänger der Band xy daherkommt, entlädt sich bei manch anderem ein Schwall hintergründigen Spezialwissens zu den Vorgängeralben und dem Produzentenduo, das ja schon bei den Aufnahmen von The Trallalas an den Reglern saß." Und weil dem so sei, führe Kopfhörer nun "das ursprüngliche Genre ›Review‹ ad absurdum".

Ein ehrenwertes Anliegen. Doch wie lässt es sich umsetzen? Kann man eine lesenswerte Beurteilung einer nicht gehörten Platte schreiben, ohne sich eben doch nur der eigenen Person oder der – laaaangweiligen – Entstehungsgeschichte der Platte zu widmen? Einfach ist es jedenfalls nicht, das liest man auch aus den meisten der 48 Rezensionen des Bandes.

Die ersten Texte deuten noch an, dass es funktionieren kann. Klaus Fiehe eröffnet Kopfhörer mit Nina Hagens zweitem Album Unbehagen. Ihr Debütalbum habe kurz zuvor bereits Partygesellschaften in Aufregung versetzt, die Gäste seien jedes Mal verstummt, wenn das Album aufgelegt wurde, angesichts dieses "miesen Egotrips". Hagens Keuchen und Kieksen sei ihm so zuwider gewesen, dass ihr zweites Werk den Weg in sein Ohr nie finden sollte. Hier wird die Rezension attraktiv, sie liest sich wie eine flotte Kurzgeschichte. Manch knapper Text auf den folgenden Seiten beweist ein sicheres Gespür für erzählenswerte Anekdoten. Wenn Kai Berner von seinem schicksalhaften Zusammentreffen mit Uriah-Heep-Anhängern berichtet, versteht man, weshalb sich seine Ohren auf ewig abwendeten. Jörkk Mechenbiers E-Mail-Verkehr mit Gott ist von feinsinniger Komik, er hat die Auflösung der Band Blumfeld zur Folge.

Solch originelle Herangehensweisen wiederholen und erschöpfen sich bald. Dazwischen stehen immer wieder Texte, die offensichtlich als Parodien verstanden werden sollen. Roger Behrens’ langatmige Plattenhüllenanalyse zu Bob Dylans Modern Times mag spezialistische Texte in Musikmagazinen aufs Korn nehmen. Doch warum sollte man so etwas im Buch gern lesen, wenn man es doch schon in Heftform verabscheut? Und muss so eine Parodie wirklich sein? Die Rezension ist doch ohnehin die wahrlich unattraktivste Textgattung im Musikjournalismus. Echte Rezensionen sind oft so variantenarm und abgedroschen, da bedarf es wahrlich keines Aufgusses.