Gut anderthalb Jahrzehnte dauerte die Debatte darüber, ob Deutschland eine nationale Vertretung der Wissenschaften braucht. Die Länderakademien hatten eine solche Gründung lange zu verhindern gewusst, sahen sie doch ihren eigenen Einfluss schwinden.
Nach einem Vorstoß von Bundesforschungsministerin Annette Schavan im vergangenen Jahr hatten sich die Forschungsminister von Bund und Ländern dann kürzlich geeinigt , die Leopoldina in Halle zur Nationalen Akademie der Wissenschaften zu machen. In ihrem Rang soll sie vergleichbar sein mit den nationalen Akademien anderer Länder, etwa der britischen Royal Society in London oder der französischen Académie des Sciences in Paris.
Am Montag wurde die Leopoldina nun offiziell zur Nationalen Akademie ernannt. Bundespräsident Horst Köhler, der Schirmherr der Nationalakademie ist, sagte beim Festakt: "Vor der Leopoldina liegen neue anspruchsvolle Aufgaben: Sie soll die Wissenschaft in Deutschland auf internationalen Bühnen vertreten und die Politik in Deutschland beraten; und diese Aufgabe ist komplexer denn je."
Politikberatung wird die Hauptaufgabe der Nationalakademie sein. Die Leopoldina soll dabei mit der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) in München und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften eng zusammenarbeiten. "Mögliche Themen sind der Klimawandel, Energie, Ernährung, Gesundheit und Bildung im 21. Jahrhundert", sagte Leopoldina-Präsident Volker ter Meulen.
"Wir werden gemeinsam mit den beiden Akademien ein Koordinierungsgremium einrichten, das Beratungsthemen identifiziert und entsprechende Arbeitsgruppen bildet", sagte ter Meulen. Er versprach, dass die Gelehrten-Vereinigung vorausschauend und unabhängig vom Zeitgeist denken werde, um einsatzfähig zu sein, wenn die Politik Rat sucht. Es gehe vor allem darum, der Politik bei schwierigen Entscheidungen das Für und Wider fundiert darzulegen. Dabei erhebe die Leopoldina keinen Universalanspruch: "Wir können nicht alle Fragen der Lebensproblematik eines Volkes klären", sagte ter Meulen.
Köhler riet der Akademie, "fachchinesische Verlautbarungen aus dem Elfenbeinturm" zu vermeiden. Zudem müsse die Wissenschaft als guter Ratgeber "offen sein für Widerspruch und transparent im Vorgehen." "Eigene Interessen muss sie zurückstecken, sonst ist sie kein Berater, sondern Lobbyist", sagte der Bundespräsident.
Die 1652 von vier Ärzten in Schweinfurt gegründete und seit 1878 in Halle ansässige Gelehrtenakademie Leopoldina ist die älteste naturwissenschaftliche Akademie Europas. Kurz nach ihrer Gründung war sie bereits eine Zeit lang Nationalakademie: 1687 ernannte Kaiser Leopold sie zur Reichsakademie. Die Leopoldina hat derzeit rund 1300 herausragende Wissenschaftler aus aller Welt als Mitglieder, darunter 32 Nobelpreisträger.
Kommentare
Lob an BM Schavan!
Eine Nationale Akademie der Wissenschaften ist eine exzellente Sache. Es sei Frau BM Schavan der Erfolg gegönnt. Was mich sehr ärgert, dass man Schweinfurt, wo ja einmal der Grundstein gelegt wurde, völlig ausgeklammert wird.
In unserem Staat läuft vieles sehr fragwürdig. Von Standorttheorie keine Ahnung.
Die Goethe-Gesellschaft sitzt in München. Hier wären Frankfurt oder Weimar am Zuge!
BND sass jahrzehntelang in Pullach bei M. Die B-Regierung in Bonn, jetzt in Berlin. Unmöglich.
BKA sass jahrzehntelang in Wiesbaden. B-Regierung in Bonn, jetzt Berlin. Wer so eine "Hühnersch...." produziert, sollte in Amtshaftung genommen werden.
Ich weiss, dass in einem föderativen Staat, die Ressourcen und die gesamtstaatlichen Effekte fair verteilt werden sollten. Aber was bringt das, wenn die Banken in Frankfurt am Main sitzen und BAFin sitzt in Bonn.
Genauso gut: Was sass jahrzehntelang der Bundesrechnungshof in Frankfurt und die Regierung in Bonn. Es mutet an wie Schabernack.