Europa "Nicht mit diesen nackten Europäern"

Wie Libyens Diktator Gaddafi die Mittelmeerunion seines französischen Gönners Nicolas Sarkozy verhöhnt

Muammar Gaddafi (r.) mit Nicolas Sarkozy, Dezember 2007

Muammar Gaddafi (r.) mit Nicolas Sarkozy, Dezember 2007

Wer sich lange genug mit Nahost beschäftigt hat, weiß: Immer, wenn hochfliegende Träume von Frieden und Freundschaft diese finsterste Ecke der Weltpolitik erhellen, gilt es abzuwarten, wie denn die üblichen Verdächtigen unter den Despoten und Potentaten reagieren.

Zum Beispiel Muammar Gaddafi, der noch im Dezember als geschätzter Gast des französischen Präsidenten sein Zelt am Elysee-Palast aufschlagen durfte. Schon bevor Nicolas Sarkozys Lieblingsprojekt, die Mittelmeer-Union,  am Sonntag in Paris von der EU und den Med-Anrainern aus der Taufe gehoben wurde, hatte Gaddafi am 9. Juli in Al-Jazeera am eine Breitseite von Hohn und Spott abgefeuert.

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Vorweg lieferte er ein Stück origineller  Kulturkritik: „Teilen wir eine gemeinsame Kultur mit Europa?“ Eine rhetorische Frage, wie sich herausstellte, denn: „In Skandinavien ist es üblich, dass Leute nackt herumlaufen, das ist deren Kultur. Kann man in Tunesien, Algerien, Ägypten oder Libyen nackt herumlaufen? Die würden einen steinigen und in ein Irrenhaus werfen.“

Dann ein wenig innerarabische Selbstkritik: „Wir Araber sind doch untereinander zerstritten. Wie können wir da eine Union mit Schottland, Benelux, Skandinavien, den Israelis herstellen?“ Folglich sollte schon mal der Begriff „Union“ aus der „Mittelmeer-Union“ gestrichen werden.

Warum? Weil man sich als anständiger Araber sonst dem Gelächter aussetzen würde. „Kann ich denn meinem Volk sagen…, dass ich eine Union mit dem so genannten Israel gemacht habe? Die würden doch bloß lachen: Welch Unsinn!“

Dem folgte die übliche Litanei: Israel müsse erst einmal alle palästinensischen Flüchtlinge aufnehmen, seine Massenvernichtungswaffen zerstören und sich mit den Palästinensern in einem Staat vereinen, „den ich ‚Isratine’ nenne.“

Leser-Kommentare
    • MJMS
    • 16.07.2008 um 22:04 Uhr

    Wenn nun sogar Gaddafi als Kronzeuge dienen soll, um Sarkozys diplomatischen Erfolg zu minimieren...

    • Anonym
    • 16.07.2008 um 22:23 Uhr

    Ob Ghaddafi generell ein Bashing verdient hat oder nicht, darüber will ich mir jetzt hier mangels objektiver Kenntnis kein Urteil erlauben.Aber was er sagt, klingt mir einfach danach, dass er an dem Tag mit dem falschen Fuß aufgestanden ist, und deshalb - für Politiker ganz untypisch, und noch untypischer in diplomatischen Angelegenheiten - die blanke Wahrheit auf den unbequemen Punkt gebracht hat. Warum sollte man ihn gerade dafür verurteilen ?Er sagt ja nicht, die Skandinavier verdienen es, gesteinigt zu werden, weil sie nackt herumlaufen (saunieren ?). Er verdeutlicht lediglich auf ironische (?) Weise den beträchtlichen kulturellen Graben zwischen den beiden Welten.Er sagt auch nicht etwas wie, "das Besatzerregime in Israel" gehöre von der Landkarte getilgt, wie Ahmadinedschad dies ganz unverhohlen gefordert hat. Aber er weist - meiner Ansicht nach zu Recht - darauf hin, dass Israel und die Palästinenser sich irgendwie einigen müssen, wenn der Region jemals Frieden zu Teil werden soll. Und schließlich zieht er aus diesen Punkten auch nur die Schlussfolgerung, dass er nicht so kann, wie er will, weil ihn das in seinen eigenen Reihen isolieren würde. Die Tatsache, dass Ghaddafi in diesem Punkt ohne offensichtlichen Zwang eine Andeutung von Selbstkritik äußert, sehe ich als Beleg für seine Ernsthaftigkeit.Aber zugegeben, ich bin kein Ghaddafi-Experte und es besteht sicher die Möglichkeit, dass ich das zu naiv sehe.

    • MeIkor
    • 16.07.2008 um 22:48 Uhr
    3. Kultur

    Ich kenne auch Leute, denen ein Saunagang zu freizügig ist. Was will man daraus schliessen? Erfolgreiche Politik benötigt nicht die selbe Kultur der Vertragspartner, sondern möglichst ähnliche Interessen.

    • Arocas
    • 16.07.2008 um 23:47 Uhr

    Wie fühlt man sich als Autor solcher Schriften, wenn die anderen Mitarbeiter mit grossem Erfolg versuchen, ernshaften und guten Journalismus zu liefern?Ist man dann nicht besser in der Politik aufgehoben, etwa in der Republikanischen Partei (nordamerikanisch oder deutsch)?

    • Anonym
    • 17.07.2008 um 3:55 Uhr

    es ist imposant, mit welch einem faltenschlagend mächtigem gewand der herrscher dem franzosen begegnet, rein ästhetisch gesehen, was das foto des artikels anbelangt, grandios

  1. bringen jedoch ständig zum Ausdruck, dass sie die nach ihren Maßstäben sehr freizügige westliche Kultur überhaupt nicht respektieren. Der Herr Revolutionsführer ist dabei nur ein sehr prominentes Beispiel unter vielen.GrüßeTrench

  2. aber in dieser Diskussion sagt er jedenfalls mal die Wahrheit und erwaehnt auch wie zerstritten muslimische Laender untereinander sind und sich auf nichts einigen koennen.Er nennt die Dinge beim Namen ,eigentlich Sachen die wir laengst wissen dass viele muslimische Laender die westliche Kultur und Lebensweise ablehnen und hassen.Kein anderes muslimisches Land hat bis heute soviel Wahrheit an den Tag gebracht!

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