Obama-Rede

Ausweitung der Wahlkampfzone?

Barack Obama kommt – wahrscheinlich – nach Berlin. Vielleicht überlegt er es sich ja noch, denn der „Streit“ um seine geplante Wahlkampfrede vor dem Brandenburger Tor mutet seltsam an.

In der Sache selbst ist so gut wie alles gesagt – zur Person: ja, „nur“ ein Präsidentschaftskandidat denkt über eine Rede zum „transatlantischen Verhältnis“ nach – kein gewähltes Staatsoberhaupt. Darüber mag man zwar streiten, doch eignet sich die Vorahnung einer Redner-Inflation unter der Quadriga nicht als Drohkulisse. Glaubt tatsächlich jemand, John McCain hat seine Pläne für einen Wahlkampfauftritt an gleicher Stelle bereits in der Schublade? Man darf davon ausgehen, dass auch der Republikaner ein fähiges Wahlkampfteam hinter sich weiß, das ihm einen eher tristen Auftritt vor kleinem Publikum ersparen wird.

Zum Ort: ja, das Brandenburger Tor ist tatsächlich ein historisch bedeutsamer Ort mit hohem Symbolgehalt – der jedoch auch vielen anderen, weit profaneren Umdeutungsvorgängen ausgesetzt war und ist. Eben daher weist es schon jetzt nicht mehr den politisch-repräsentativen Exklusivgehalt auf, den ihm die Reden-Gegner zuweisen wollen. Zur Überprüfung der Multifunktionalität (oder: Beliebigkeit) des Areals muss man sich nur den Empfang der Fußballnationalmannschaft vor Augen halten – in welchem Bezug stand dieses Kasperletheater zur Geschichtsträchtigkeit des Ortes?

Je länger der Streit um ein Rederecht andauert und nebenbei das so genannte Sommerloch füllt, desto mehr erfährt man über das Personal der „Berliner Republik“ und die Gesetzmäßigkeiten der Mediendemokratie. Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass die meisten Politiker den designierten Präsidentschaftskandidaten der Demokraten durchaus gerne in Berlin sehen würden (und sich selbst am besten gleich daneben). Allerdings hat das eher weniger mit seinen politischen Ideen, Positionen und Perspektiven zu tun.

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Barack Obama hat seit seinem Einstieg in die Kampagne im Januar 2007 neue Maßstäbe als „Aufmerksamkeitspolitiker“ gesetzt. Es ist ihm gelungen, zugleich in Konkurrenz und Verbund mit Hillary Clinton, in den USA eine junge, häufig politikferne Klientel für eine Beteiligung am politischen Prozess zu gewinnen und ist dabei Wege gegangen, die einerseits souverän die Register der Mediendemokratie ziehen, andererseits aber nur in Kombination mit einer intakten öffentlichen Persönlichkeit funktionieren. Obama hat mehrfach bewiesen, dass er in der Lage ist, in seinen Reden wichtige Themen adressieren und dabei im Zweifel auch die eigene Position riskieren zu können. Der Lohn für seine Kampagnenpolitik – die zugegebenermaßen anderen Regeln folgt als das weniger glanzvolle Entscheidungshandeln in Regierungsverantwortung – ist eine Revitalisierung der Demokraten.

Das ist die bislang wesentliche politische Leistung Barack Obamas, und in Zeiten grassierender Politikverdrossenheit ist das alles andere als wenig. Selbst wenn im Juli „nur“ ein Präsidentschaftskandidat nach Berlin kommen mag, so ist er doch dieser Typ des Aufmerksamkeitspolitikers genau jene Besetzung, die von vielen politischen Parteien händeringend gesucht wird – auch in Europa. Darin liegt die besondere Attraktivität der Obama-Visite, der sich ein Regierender Bürgermeister wie Klaus Wowereit nicht entziehen kann – und den Logiken der Mediendemokratie folgend, eigentlich gar nicht entziehen darf.

Vor diesem Hintergrund ist schließlich über die geplante Rede nachzudenken – die Idee folgt zunächst den Strategien globaler Marken- und Imagekampagnen: Der öffentliche Auftritt außerhalb des Heimatmarktes adressiert unmittelbar zwar nur die wenigen Wähler in Europa, vergrößert die eigene Kampagne aber durch die Platzierung vor einem symbolträchtigen Hintergrund, der als Resonanzraum für das ohnehin schon übergroße Obama-Image dienen soll.

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Leser-Kommentare

  1. Wenn man am Auftritt des Dalai Lama am Brandenburger Tor keinen Anstoß nimmt, kann man Obama eine Rede an diesem Platz kaum verwehren.

  2. Worüber will Obama denn sprechen? Über sein Eintreten für die Verschärfung der Todesstrafe? Darüber, dass das Tragen von Schusswaffen ein Menschenrecht ist? Dass Sozialleistungen die Sache von privaten religiösen wohltätigen Organisationen sind? Dass Geheimdienste mehr Möglichkeiten zum Abhören haben müssen? Oder ähnliche seiner jetzigen politischen Stellungnahmen?Seine Haltungen liegen - gemessen mit deutschen Maßstäben - weit rechts außerhalb des poiltischen Spektrums. Und an diesen Maßstäben muss er sich messen lassen, wenn er als privater Wahlkämpfer in Berlin auftreten will - also nicht als Staatsoberhaupt der USA, das man alleine wegen dieser Stellung respektieren muss, sondern als politischer Redner wie jeder andere. Angesichts des Medienrummels um die US-Präsidentenwahl ist das auch in Deutschland vorhandene Medieninteresse verständlich. Politisch jedoch ist - und das zeigen gerade die jüngsten Äußerungen von Obama - der Unterschied zwischen den Kandidaten minimal und wird nach der Wahl, wenn die "Realpolitik" wieder auf der Tagesordnung steht, noch geringer sein.Berlin ist doch keine Theaterkulisse für politische Schauspieler. Oder kommen demnächst auch russische, chinesische oder arabische Präsidentschaftskandidaten nach Berlin, um hier aufzutreten?Sich von der kommerziellen Präsidentschaftskampagne Obamas kaufen zu lassen, wäre verwerflich. Ihr die Kulisse gratis anzubieten, wäre obendrein noch dumm.

  3. Ich denke, daß jene, die so intensiv über die Obama Rede am Brandenburger Tor diskutieren, total mit deutscher Sichtweise argumentieren. Das ist selbstverständlich deren gutes Recht, aber sie überziehen damit total die Bedeutung. Wie viele amerikanische Wähler messen dem Brandenburger Tor so große Bedeutung bei, daß sie deswegen einen Kandidaten bevorzugen würden? Auf die Amerikaner würde es viel mehr Eindruck machen, wenn Obama auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking oder in Hiroshima oder Nagasaki eine Rede halten würde, vieleicht auch in Bagdad. Aber Deutschland hat für die Amerikaner nicht mehr die Bedeutung wie direkt nach dem 2. Weltkrieg, nicht zuletzt weil sich die amerikanische Bevölkerung stark verändert hat, viele sind Südamerikanischer, Chinesischer, vielleicht auch Indischer Abstammung.
    Obama will vielleicht einfach mal Berlin sehen und sich an die Leute dort wenden. Heissen wir ihn willkommen, egal ob er Präsident ist oder nicht.

    • 10.07.2008 um 13:12 Uhr
    • Rahab

    muß auch nicht hingehen! schon vergessen? und wer glaubt, daß damit irgendetwas substanzielles über deutschland verbunden wäre, der irrt.

  4. Obama hat ein ganz anderes Problem. Das Brandenburger Tor ist für Amerikaner das symbolische Tor zwischen dem "Evil Empire" der Sowjetunion und dem freien Westen, vor dem damals Ronald Reagan seine berühmte Rede gehalten hat ("Mr. Gorbachev, open this gate! Mr. Gorbachev, tear down this wall!")Das ist ein in Amerika nachgerade ikonoraphisches Foto. Nun versucht Obama mit diesem Auftritt, sich bei konservativen Wählern in Amerika wenn nicht gerade als Reagans Erbe, dann doch zumindest als starker Kämpfer gegen das "Böse" zu positionieren. Ein geschickter Schachzug gegen die McCain-Kampagne, weil McCain ja nicht als richtiger Konservativer gilt.Dazu muss er aber der Gast Deutschlands sein (immerhin gilt Angela Merkel in Amerika als Widerstandskämpferin gegen die DDR, sort of), und nicht der Gast eines linken, schwulen Party-Bürgermeisters, der einer Koalition als Sozialdemokraten und Postkommunisten vorsteht. Wenn amerikanische Medien seinen Auftritt dahingehend kommentieren, schießt er sich selber ins Bein, denn sein Problem ist ja, dass ihn Faux News als Ultraliberalen darstellt. Daher die Zurückhaltung.

    • 10.07.2008 um 15:20 Uhr
    • Rahab

    sollen die berliner jetzt mal eben ihren regiernden bürgermeister austauschen, damit der in wessen auch immer wahlkampfstrategie paßt? - das geht denn noch ein bißchen zu weit! immerhin wählen wir unser abgeordnetenhaus, aus dessen mitte heraus der regierende bürgermeister gewählt wird, noch selber und lassen es nicht in usa wählen. wenn die kanzlerin ein problem damit hat, dass es leute gibt, die ihn als "linken, schwulen pParty-Bürgermeister" bezeichnen - dann muß sie sich vielleicht eine andere hauptstadt suchen. oder halt mit ihrem gast nach mecklenburg-vorpommern ausweichen. dort ist es auch sehr schön und malerische kulissen finden sich dort auch zuhauf, in Rostock-Langenhagen beispielsweise.

  5. Obama versucht offensichtlich wieder anzuknüpfen, wo Schröder uns abkoppelte. Dass dies nicht im Interesse gewisser Leute liegen kann, ist durchaus verständlich. Gerade weil John McCain bei seiner kürzlichen Europareise absichtlich Deutschland vermied, liegt ihm zweifellos daran, den Unterschied aufzuzeigen. Im übrigen ist er Chairman des Foreign Relations-Ausschusses im US-Senat, hat also auch dienstliche Gründe.

    • 10.07.2008 um 17:07 Uhr
    • Erebos

    Ich schliesse mich der Meinung von dunnhaupt an. Auf der einen Seite reagiert er darauf, dass McCain Deutschland links (bzw rechts) liegen liess. Vielleicht der republikanische "payback" fuer das Nein zum Irak? Auf der anderen Seite agiert er aber auch im Lichte seines Senatspostens.
    Ausserdem: Der Wahlkampf globalisiert sich eben auch. Merkel schipperte vor der Bundestagswahl auch ueber den Teich, um in Washington vorzusprechen. Und Obama sowie McCain sprachen ja auch vor dem israelischen Knesset. Gerade in diesem Lichte sollte es die Deutschen eigentlich ehren, dass Berlin im Gespräch ist. Denn es ist schon ein gewisser Wink mit dem Zaunpfahl, dass er die Beziehung mit Deutschland als sehr wichtigen Eckpfeiler seiner (zukuenftigen) Politik ansieht. Das ist nicht nur für Deutschland wichtig, sondern für Europa im Generellen. Und was das für Implikationen auf die Anglo-Amerikanische "Special Relationship" wirft, wird sich dann auch zeigen. Vielleicht gibt dann auch England ihre Europhobie ein wenig auf. Wer weiss.
    Das Zeichen ist schon jetzt gesetzt, aber was der train of thought dahinter ist, weiss nur Obama. Was ich denke ist, dass Deutschland in jedem Fall nur profitieren kann.

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  • Von Christoph Bieber
  • Datum 22.1.2009 - 15:31 Uhr
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