"An meinem ersten Tag als Präsident würde ich dem Militär den Auftrag erteilen, den Krieg zu beenden", schrieb Barack Obama am Montag höchstpersönlich in einem New York Times -Kommentar. Grund für die Klarstellung: Ihm würden fälschlicherweise politische Kehrtwenden vorgeworfen.

Der Präsidentschaftskandidat der Demokraten leidet zunehmend unter Erklärungsnot. Denn er hat nicht nur zum Thema Irak seine politischen Ansichten "verfeinert", sprich sich von einer einst hartnäckigen Kriegs-Opposition auf einen schrittweisen Abzug der amerikanischen Truppen innerhalb von 16 Monaten verlegt. Und angesichts der jüngsten Entscheidungen des Obersten Gerichts gegen die Todesstrafe für Kinderschänder in Louisiana und für das Recht auf Handfeuer-Waffen in der Hauptstadt Washington, D.C., klingt Obama plötzlich genauso wie sein republikanischer Gegenkandidat John McCain: pro Waffenrecht, pro Todesstrafe.

Selbst beim dritten emotionalen Dauerbrenner, dem bisher fest in der demokratischen Partei verankerten Recht auf Abtreibung, sieht es derzeit düster aus für die traditionelle Wählerschaft. Jim Wallis, Gründer der christlich-sozialen Zeitschrift Sojourners , verkündete vor Kurzem in einem Interview mit dem Fernsehsender ABC, dass er mit seinem "guten Freund" Obama über die "Aufnahme einer Abtreibungsreduzierung ins Parteiprogramm" sprechen wolle. Angeblich ist der neue Ansatz bereits mit Parteivorsitzendem Howard Dean diskutiert.

"Mr. Obama scheint eine Position nach der anderen aufzugeben, die seine Anhänger zusammengeschweißt und ihm die Nominierung verschafft haben", kommentiert der New York Times -Kolumnist Bob Herbert. Eine gewisse Orientierung beider Kandidaten zur Mitte wird im Zweiparteiensystem USA durchaus erwartet. Doch inzwischen befürchten viele politische Beobachter, dass Obama die Unterstützung seiner Parteibasis als allzu selbstverständlich betrachtet.

Hatte das National Journal Obama noch im vergangenen Jahr an die Spitze seiner Rangliste der "liberalsten" Senatoren gesetzt, versucht er jetzt offenbar mit allen Mitteln, dieses radikale Image loszuwerden. Denn "liberal" wird in den USA mit sozialem Engagement der Regierung gleichgesetzt - was im Lande der Eigenverantwortlichkeit einen zweifelhaften Ruf hat.