Mancher, der seit Jahren zähneknirschend Unterhalt an die (oder den) "Ex" zahlt, hat es dankbar aufgeschnappt: Die
"nacheheliche Eigenverantwortung" wollte Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) stärken, als sie die Reform des Unterhaltsrechts auf den Weg brachte. Deshalb bekommt es Ingrid Groß nun gelegentlich mit Rentnern zu tun, die ihre Zeit gekommen sehen: Die Ex-Frau solle jetzt endlich "Eigenverantwortung" tragen – damit er seine monatlichen Überweisungen einstellen könne.

Eines von vielen Missverständnissen, die das seit Anfang 2008 geltende Recht mit sich gebracht hat, diagnostiziert die Augsburger Anwältin für Familienrecht. "Es ist eine große Verunsicherung eingetreten", sagt Groß. Mütter, Väter, Anwälte wissen nicht mehr so recht, was eigentlich gilt, hat auch ihre Kollegin Ingeborg Rakete-Dombek festgestellt. "Die Bereitschaft der Beteiligten, sich angesichts dieser Unsicherheit lieber selbst zu einigen, ist hoch", meint die Familienrechtsexpertin des Deutschen Anwaltvereins.

Einen ersten Schritt zur Klärung will an diesem Mittwoch der Bundesgerichtshof (BGH) unternehmen: Erstmals wird er das neue Recht anwenden. Geklagt hat eine unverheiratete Mutter. Vom Ex-Partner, mit dem sie zwei inzwischen acht und zehn Jahre alte Kinder hat, verlangt sie Unterhalt für deren Betreuung. Das Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf hatte ihr - noch nach der alten Gesetzeslage - Zahlungen nur bis zum sechsten Geburtstag des jüngsten Kindes zugestanden. Danach sollte sie arbeiten gehen.

Das war beinahe schon großzügig. Denn bis zur Unterhaltsrechts-Reform gab es für unverheiratete Paare nur in den ersten drei Jahren "Betreuungsunterhalt", also Geld vom Ex-Partner für den gemeinsamen Nachwuchs. Eine Verlängerung wurde allenfalls in besonderen Fällen gewährt.

Bis das Bundesverfassungsgericht im Frühjahr 2007 einen Schlussstrich unter die Diskriminierung lediger Eltern setzte. Im neuen Unterhaltsrecht gilt die Drei-Jahres-Frist deshalb für Familien mit und ohne Trauschein - mit erleichterter Verlängerungsmöglichkeit.

Darüber tobt nun der Streit. Wer länger als drei Jahre Unterhalt will, muss zunächst nachweisen, dass er keine ausreichenden Kinderbetreuungsmöglichkeiten hat. Doch selbst wenn ein Ganztagesplatz in Kita oder Schule gesichert ist: Ob der allein erziehenden Mutter (oder dem Vater) damit ein Vollzeitjob zugemutet werden kann, ist noch keineswegs klar. Einige Gerichte halten eine Teilzeitarbeit für angemessen, weil die Bedürfnisse der Kinder ja nicht mit dem Schlussgong der Ganztagsbetreuung enden. Ein Thema, das sich nun der BGH vorgenommen hat.