Wenn Schriftsteller reisen, sie zur Feder greifen und versuchen, die Fremde in ihrem Notizbuch einzufangen – wer wäre da nicht gern mit der Nase still und heimlich zwischen den Notizen? Das ist jetzt möglich! Junge Autoren schreiben ihre Reiseberichte ins Internet: Weltwohnen heißt das Portal, "ein literarischer Reiseweblog, eine Art Internettagebuch", erklärt Benjamin Lauterbach. Er und Patrick Schöneborn sind selbst Schriftsteller und gründeten das Projekt im Jahr 2006. Ein Jahr später erhielten sie dafür ein Stipendium vom Literaturhaus Bremen.

Seitdem bewegte sich dort etwas, voran die Schriftsteller: Inzwischen schreiben achtzehn Autoren von den unterschiedlichsten Orten, an die es sie in diesem Moment verschlagen hat. "Wir waren der Meinung, dass man die Welt mit einem Netz aus Texten umspannen könnte, bis auch der hinterste Winkel literarisch verewigt sein würde", sagt Lauterbach. "Im Zentrum sollte nicht der klassische Reisebericht stehen, sondern der etwas andere, der poetische, persönliche […] Blick auf fremde Länder."

Bis heute sind mehr als hundert Stücke aus aller Herren Länder auf die Seite geflattert. Mit Kurzprosa, Dialogszenen und Lyrik kann der Leser auf den Spuren der jungen Schriftsteller über den Erdball wandeln, wobei jeder Text auf seine eigene Art die ferne Fremde literarisch erfahrbar macht. Dies alles wird von Fotos und weiterführenden Links begleitet. Zum Beispiel die Reisen von Saša Stanišic. Dessen Erfolgsgeschichte liest sich wie der niedergeschriebene Wunschtraum eines Jungschriftstellers: Erste kleine Veröffentlichungen während des Studiums, 2005 las er im Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis und wurde mit dem Kelag-Publikumspreis ausgezeichnet. Sein Debütroman 2006 Wie der Soldat das Grammofon repariert wurde von einigen Kritikern mit Tränen der Entzückung empfangen.

Oder Thomas Pletzinger, der erst im März dieses Jahres mit seinem Romandebüt Bestattung eines Hundes begeisterte. Oder Gregor Guth und die Lyrikerin Anke Bastrop, Mitherausgeberin der TIPPGEMEINSCHAFT 2008 des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. Bastrop schreibt etwa solches:

"Marfa / wie sie über der Hüfte ihr Rock-Tuch festzurrt / zieht zu enger werdenden Kreisen / sich, eine Winde, schräg in die Luft stellt / wie sie so zum Stehen kommt, ragt ihr Gesicht / in die Grenze zwischen zwei Ton-Feldern / sie hält dort lange still : nichts an ihr flirrt (wie Narzissen flirren) / kurz aber leuchtet sie auf / hält dann die Hand ihrem Mund an / geschnittenes Blatt / unverbundene Ränder"

"Wer bei Weltwohnen mitmachen möchte, bekommt von Patrick Schöneborn oder mir eine Einladung", erklärt Lauterbach. Weltwohnen habe einen gewissen literarischen Anspruch und da die eingehenden Texte nicht lektoriert werden, könne die Seite bislang nicht für jeden geöffnet sein, sagt er. Dies setzt ein gewisses Vertrauen in die Schreibenden voraus, beziehungsweise in das, was sie zu Papier bringen. Es sei aber auch genau diese Unmittelbarkeit der Reiseberichte, die ihren Reiz ausmache, sagt Lauterbach.