Erstmals wurden am Sonntagabend junge Bundeswehrrekruten vor dem Reichstag feierlich vereidigt – anlässlich des 64. Jahrestags des gescheiterten Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944. Der Ort war lange umstritten. Die zentrale Rede hielt Altkanzler Helmut Schmidt. Wir dokumentieren wesentliche Passagen aus dem Redemanuskript:

"Lassen Sie mich zuerst Ihnen, Herr Bundesminister (Jung), für die Einladung danken, in der heutigen Feier das Wort zu ergreifen. Ich tue das mit innerer Bewegung. Denn heute vor über 70 Jahren bin ich selbst Rekrut gewesen. Und es liegen auch schon fast vier Jahrzehnte zurück, dass ich als Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt zu unseren Soldaten sprechen durfte.

Heute will ich mich besonders an die Rekruten wenden und will versuchen Ihnen ein kleines Stück meiner eigenen geschichtlichen Erfahrung vorzutragen.

1937 bin ich als Wehrpflichtiger eingezogen worden. Damals habe ich die nationalsozialistische Führung Deutschlands für verrückt gehalten und habe sie als ein Übel betrachtet. Aber dass sie aus Verbrechern bestand, das habe ich noch während des Hitlerschen Weltkrieges nicht begriffen. Erst als ich im Herbst 1944 als Zuhörer zum sogenannten Volksgerichtshof abkommandiert war und dort einen Tag des unmenschlichen Schauprozesses gegen die Widerstandskämpfer des 20. Juli miterleben musste, erst da habe ich angefangen, den verbrecherischen Charakter des "Dritten Reiches" zu begreifen. Jedoch habe ich danach gleichwohl als kämpfender Soldat weiterhin meine Befehle und Pflichten befolgt – so wie Millionen anderer Soldaten auch.

Damals, in den letzten sieben oder acht Monaten des Krieges, sind zivile Bürger und Soldaten in größerer Zahl um ihr Leben gebracht worden als vorher während der ganzen ersten sechs Jahre des Krieges. Diese ungeheuren Opfer aus fast allen europäischen Völkern waren absolut sinnlos, denn unser schließlicher Zusammenbruch war längst erkennbar.

Auch wenn das Attentat auf Hitler geglückt wäre – das katastrophale Ende war gleichwohl gewiss. Trotzdem haben wir weitergekämpft. Und die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Rüstung haben weitergearbeitet. Denn in den Schulen, in den Kirchen und in den Fabriken waren wir zu Gehorsam gegenüber Obrigkeit und Staat erzogen und gedrillt worden. Vor allem aber hatte jedermann Angst vor der Gestapo und vor dem Kriegsgericht.