Soziale Netzwerke Ausgeloggt
Wenn das soziale Netz zu eng, die Zeit zu knapp und die "Freunde" zu zahlreich werden, kann man über ausgeloggt.net aussteigen. Aber zuerst einloggen!

© http://www.ausgeloggt.net
Ihren Ausstieg hatte Anita Böske genau geplant. Am 1. März 2007 sollte es soweit sein. An diesem Tag drückte sie den ultimativen Logout-Button auf der Website von studiVZ . Seitdem lebt die Studentin ohne virtuelle Identität.
Irgendwann war Anita nachdenklich geworden. Dabei war sie am Anfang genauso euphorisch wie ihre Freunde gewesen. Sie legte sich ein Profil an, verschickte Nachrichten und bastelte sich so ein kleines soziales Netz. Erst eine Episode am Rande machte sie stutzig. Sie war auf der Suche nach einem neuen Mitbewohner für ihre Wohngemeinschaft, einer meldete sich übers Internet und schrieb: "Guckt doch einfach auf meine studiVZ -Seite, dann wisst ihr, wer ich bin.“ Das ging Anita zu weit: „Es ist doch etwas anderes, ob man jemanden persönlich trifft oder nur auf so einer Seite guckt, wo jemand versucht sich selbst darzustellen.“
Noch was nervte die Studentin: der inflationäre Gebrauch und damit die Abwertung des Begriffs "Freunde". Freunde werden in sozialen Netzwerken wie Bildchen im Stickeralbum gesammelt und vorgeführt. Anderen fällt das auch immer mal wieder auf. Zum Beispiel Udo Raaf. Der hatte sich eines Tages gefragt: „Was macht man eigentlich, wenn man 1000 Freunde hat?“ Damals hatte er gemerkt, dass seine Mitgliedschaft bei MySpace einen großen Teil seiner Zeit fraß.
Auch Raaf hat sich dann irgendwann kurz entschlossen ausgeklinkt. „Ich hab festgestellt, dass man zwar Leute trifft, aber noch viel mehr Karteileichen.“ Allerdings gingen mit dem Ausstieg aus MySpace für den Diplom-Kommunikationswirt auch ein paar wichtige Kontakte verloren. „Von manchen Leuten habe ich seitdem gar nichts mehr gehört. Und das ist eine doofe Entwicklung.“
Der Verlust brachte Udo Raaf auf eine Idee. Zusammen mit einem Freund gründete er im Januar 2008 das Webportal ausgeloggt.net. Das einfache Motto der Website: „Das Leben ist zu kurz für virtuelle Freundschaften“. Auf der Startseite klebt ein gelber Zettel mit der lapidaren Notiz: „Bin ein Bier trinken“. Es ist die elegantere Art, sich aus den virtuellen Netzwerken zu verabschieden.
Der Ausstieg vollzieht sich paradox: Auf ausgeloggt.net muss man sich zunächst einloggen. Erst dann können die eigenen wichtigen Kontakte hinterlegt werden. Den Freunden, von denen man sich beim Ausloggen aus der Welt der sozialen Netze trennt, hinterlässt man einfach die Adresse der persönlichen Seite bei ausgeloggt.net. Dort finden diese jederzeit zwei Informationen: eine aktuelle Telefonnummer und eine E-Mail-Adresse des Ausgeloggten.
„Mehr braucht es nicht, um Freundschaften zu pflegen“, erklärt Raaf. „Und das unterscheidet uns eben von anderen sozialen Netzwerken. Man hat ein schickes Online-Adressbuch - und mehr soll man mit ausgeloggt.net auch nicht machen können.“ Die Plattform ist für die Gründer vor allem als Statement gemeint. Sie wollen, beteuern sie, mit den gesammelten Daten kein Geld verdienen, sondern Menschen auffangen, denen es ähnlich geht wie ihnen selbst.
Leute wie Anita Böske zum Beispiel, die keine Lust mehr haben, vor dem Computer sitzend Fotos auszutauschen, und sich stattdessen lieber mal wieder persönlich treffen möchten. Mit ihrer Entscheidung auszusteigen ist sie bis heute zufrieden. Natürlich bekam sie von Freunden aus anderen Social Networks immer mal wieder Einladungen zum Einloggen. Doch sie lehnte stets ab.
Wobei auch ihr der Verlust von Kontakten zunächst schwerfiel. „Man hat ja in mühseliger Kleinarbeit seine Seite aufgebaut und die ganzen Freunde ‚gesammelt’. Und das soll man ja dann alles aufgeben.“ Zudem muss man mit Unverständnis im Freundeskreis rechnen. Anitas Freunde haben auf ihren Schritt ganz unterschiedlich reagiert. Während die einen sich sogar davon überzeugen ließen, mit auszusteigen, konnten andere ihre Entscheidung gar nicht verstehen.
Heute hat sie nur noch Kontakt zu denen, die ihr wirklich etwas bedeuten und denen auch sie etwas bedeutet. Als Ausgeloggte hat Anita Böske den Wert von Freundschaften neu entdeckt: „Die anderen waren eben nicht so die wahren Freunde.“
- Datum 06.11.2008 - 14:42 Uhr
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Mit sozialen Netzwerken ist es anscheinend, wie mit allen techinschen Neuerungen (wie Internet, Email der Handy). Man kann sie als Zeitfresser, -verschwender oder sinnvoll einsetzen. "Freunde" von der Arbeit, der Universität oder sonstwo, die im gleichen Ort leben und die man deshalb ohnehin ständig treffen oder sehen kann, dort ständig zu kontaktieren ist wirklich Zeitverschwendung.
Wenn man aber einige Kontakte in allen möglichen Ländern und Städten hat, mit denen man mal ein paar Bier getrunken, einen Kurs besucht, zusammen gearbeitet oder Urlaub gemacht hat, dann kann man nicht alle ständig anrufen oder eine Email schicken. Aber vielleicht ist man mal in Athen im Urlaub, wechselt den Arbeitsplatz und zieht nach Hamburg oder London, oder man möchte etwas über ein bestimmtes Thema, Land, die Arbeit in einer Branche etc. wissen und dann hat man gleich ein paar Kontakte zur Hand, die man fragen oder treffen kann. Aber dazu muss man schon ab und zu mal eine Nachricht schicken oder ein paar Photos hochladen, nur eine Telefonnummer in einem alten Büchlein, die schon lange nicht mehr stimmt, hilft einem dann nicht mehr.
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