Karadžić? Was war eigentlich mit Karadžić? Seit Jahren war im Tackling zwischen Brüssel und Belgrad immer nur von Ratko Mladic die Rede, dem Mann, der den Massenmord von Srebrenica persönlich befehligt hat. Von Mladic wusste man, dass er in Belgrad lebte.

Radovan Karadžić dagegen, der frühere Präsident der Serbenrepublik Srpska, war zu einer mythischen Figur geworden, besonders nachdem zwei Großaktionen der internationalen Bosnien-Schutztruppe im Sande verlaufen waren. Jugendliche verteilten Bildchen mit dem markanten Konterfei des Mannes aus dem finsteren Montenegro, der der ganzen Welt ein Schnippchen schlug. Parteien bildeten – ganz konspirativ – seinen berühmten Namensvetter Vuk Karadžić ab, den romantischen Schöpfer der serbischen Schriftsprache, wenn sie ihm huldigen wollten. Wenn man versuchen würde, ihn zu verhaften, würden seine Prätorianer ein Blutbad anrichten, es käme zu Hunderten Toten, konnte man in Sarajewo selbst aus Diplomatenkreisen hören.

Jetzt ist Karadžić wieder da. In Belgrad gesehen wurde der heute 63-Jährige zuerst 2004. Möglicherweise seit damals hielt er sich im Stadtteil Novi Beograd versteckt. In guter Tarnung: lange weiße Haare, ein langer Bart, eine John-Lennon-Brille gaben dem inzwischen abgemagerten Mediziner die Aura, die er benötigte, um im modernen Teil der Stadt als eine Art Natur- oder Alternativarzt zu arbeiten. Niemand habe ihn gekannt, sagte Rasim Ljajic, der Den-Haag-Beauftragte der serbischen Regierung.

Zwei Mitwisser wurden festgenommen; sonst wurde über Hintermänner noch nichts bekannt. Am Montagabend sei Karadžić, der sich Dragan oder auch David Dabic nannte, mit dem Bus vom Belgrader Stadtteil Zemun in den Vorort Batajnica gefahren. Dort hätten ihn Agenten der Geheimpolizei BIA überwältigt, indem sie ihm eine Mütze überstülpten. Eine prosaische Geschichte, der nur Karadžićs Anwalt eine mysteriöse Note hinzufügte: Angeblich habe die Festnahme schon am Freitag stattgefunden. Danach sei Karadžić "in einem Zimmer festgehalten" worden. Wenn sie stimmt, könnte die Geschichte auf Kämpfe hinter den Kulissen der Behörden deuten – bei der Festnahme von Kriegsverbrechern in Belgrad in der Tat eine übliche Begleiterscheinung.

So fremd der "Naturheiler" mit dem langen Bart sich im neuen Belgrad fühlen mag, so gut passt seine Festnahme in die veränderte politische Szene nach dem Regierungswechsel vor 14 Tagen. Die Milosevic-Sozialisten, die mit ihrem Vorsitzenden Ivica Dacic immerhin den Polizeiminister stellen, müssen ihren Anhängern jetzt und nicht erst in zwei Jahren klarmachen, dass ihre Haltung zu Europa sich radikal gewandelt hat.

Mit Blockaden schaden sie sich nur selbst, und nur wenn sie jetzt säen, können sie in zwei Jahren ernten. Karadžić ist ein guter Testballon und ein brauchbares Bauernopfer: Mit ihm verbindet die Anhänger der Sozialisten nur wenig: In seinen Präsidentenjahren überwarf sich der klerikale Bürgerliche wiederholt mit Slobodan Milosevic; seine Freunde suchte und fand er eher in den bürgerlichen Oppositionellen um Vojislav Kostunica. Mladic, der heute wie Karadžićs Zwillingsbruder dargestellt wird, war in Wirklichkeit dessen politischer Gegenspieler: der Mann der Armee, Belgrads, der Sozialisten. Der General ist auch im wichtigen Belgrader Sicherheitsapparat viel besser vernetzt als der dramenumflorte Psychiater, der tagelang im Morgenmantel Poker spielte und Whisky trank.