Südafrika Mandelas Vermächtnis
Nelson Mandela, der "Vater der Nation", feiert heute seinen 90. Geburtstag - und will Südafrika auf die Zeit ohne ihn vorbereiten
„Wenn die Armen je auf den Gedanken kommen, dass sie niemals reich werden, dann steckt das Land in ernsten Schwierigkeiten.“ Diese Prophezeiung des britischen Magazins Economist galt den USA, doch sie beschreibt exakt den Zustand Südafrikas heute. Das Land ist in Schwierigkeiten, sowohl wirtschaftlich als gesellschaftlich. Die Hoffnung wankt.
Jene Hoffnung, die sich für die Mehrheit der Bevölkerung zu erfüllen schien, als Nelson Rolihlahla Mandela 1990 nach 27 Jahren Haft aufrecht und ungebrochen in die Freiheit trat. Als Mandela 1994 zum ersten Präsidenten eines demokratischen Südafrikas wurde, verkörperte er alles, wofür die Welt das Land bewunderte. Das Ende eines rassistischen Regimes. Den unblutigen Übergang in eine Demokratie. Eine der fortschrittlichsten Verfassungen der Welt.
Während der Gefangenschaft war es seine Integrität, die ihm die Ehrfurcht der Welt einbrachte. Etwa als er Angebote der Regierung ablehnte, ihn im Tausch gegen Gewaltverzicht freizulassen. Gefangene können keine Abmachungen treffen, teilte er mit, nur freie Menschen können verhandeln. Dass sich in die Ehrfurcht auch ein wenig Traumfabrik mischte, schadete der internationalen Anteilnahme nicht. Mandelas öffentliche Lovestory mit Winnie Madikizela, mit der er 38 Jahre verheiratet war, zwei schöne Menschen, die große persönliche Opfer für die Freiheit aller brachten – das war Hollywood-Material.
Nach seiner Freilassung waren es Mandelas Gesten der Versöhnung, die das weiße Südafrika in einen Zustand „charismatischer Verzückung“ versetzten, wie ein Historiker schrieb. So lud er Witwen und Ehefrauen früherer Apartheid-Präsidenten zum Tee, oder erschien 1995 beim World-Cup-Sieg der von Weißen geliebten und von Schwarzen gehassten Rugby-Nationalmannschaft in deren Rugby-Shirt.
Doch die Hoffnung der schwarzen Mehrheit, dass auf die Freiheit der Wohlstand folge, hat sich nicht erfüllt. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist trauriger Weltrekord und reißt täglich weiter auf. Die Hälfte der 48 Millionen Südafrikaner lebt in Armut. Zunehmend ungeduldig fragen die Habenichtse: Was nützt es mir, dass ich mich frei bewegen kann, wenn ich die paar Cents für den Bus nicht habe!
Wurde Mandela während seiner kurzen Präsidentschaft 1994 bis 1999 durchaus für den mangelnden Fortschritt kritisiert, so sind kritische Worte gegen ihn längst verstummt. Die Figur Mandela ist in die Sphäre der lebenden Legenden enthoben. „Mandela hat getan, was er damals tun konnte“, sagt heute einer seiner ehemaligen Kritiker, der politische Kommentator Xolela Mangcu. „Vor 10 Jahren haben wir als sein Vermächtnis die Freiheit betrachtet“, sagt Mangcu. „Heute schauen wir zu ihm für die Werte, die er verkörpert, als ein Gewissen.“ Und das habe das Land nötiger als je. Die zunehmende Aushebelung von Recht und Gesetz durch Regierung und die Mehrheitspartei African National Congress (ANC), eine kaum noch überschaubare Reihe an Polit- und Korruptionsskandalen, haben die Demokratie „an den Abgrund“ gebracht, wie Mangcus jüngstes Buch titelt.
Zumal im direkten Vergleich mit dem heutigen Präsidenten Thabo Mbeki, der als distanziert und arrogant wahrgenommen wird, bleibt Mandela der ewige Charmeur, der Menschenfreund, an dessen Glanz sich alle reiben wollen. 4000 Briefe erhält seine Stiftung monatlich, die meisten mit der Bitte, ihre Zwecke mit seinem Namen zu vergolden. Auch die internationalen Stars und Sternchen scharen sich bis heute um ihn, nicht zuletzt, weil er in seiner Großzügigkeit Komplimente macht, die sie sonst eher selten hören dürften. Ex-Spice-Girl Geri Halliwell etwa beglückte er mit der Aussage, er bewundere ihre künstlerischen Leistungen.
Nelson Mandela, zusehends gebrechlich, nimmt allmählich von der Welt- und auch der Landesbühne Abschied. Er schwieg zu schwerwiegenden Ereignissen in jüngster Zeit, etwa dem mörderischen Ausbruch an Fremdenfeindlichkeit im Mai. Das mag einerseits seiner Idee vom disziplinierten ANC-Parteigenossen geschuldet sein, der sich nicht öffentlich gegen die Führung stellt. Doch es spricht wohl auch dafür, dass der große alte Herr, der heute seinen 90. Geburtstag im Kreis der Familie feiern will, Südafrika auf die Zeit ohne ihn vorbereitet.
- Datum 08.09.2009 - 14:47 Uhr
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- Quelle ZEIT online
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Nichts kann Südafrika retten. Nelson Mandela hielt allein durch seine Gegenwart den Untergang für einige Jahre auf, aber nach seinem Abgang wird die afrikanische Krankheit mit voller Wucht ausbrechen.
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