In Europa hat Barack Obama längst gewonnen: Zwei Drittel aller Deutschen würden ihn wählen; in England steht das Verhältnis vier zu eins gegen den Republikaner John McCain. So sicher sind sich die Europäer über den Wahlausgang am 4. November, dass McCain in den hiesigen Medien kaum noch auftaucht.

Das war nicht ganz falsch, begannen doch die Umfragewerte seit Anfang Mai, als McCain und Obama etwa gleichauf lagen, immer weiter zugunsten des schwarzen Senators auseinanderzuklaffen. Anfang Juli lagen etwa sechs Punkte zwischen den beiden: 48 Prozent für Obama, 42 für den Republikaner. (Diese Zahlen kommen von RealClearPolitics ; sie sind das Produkt diverser Umfragen, aus denen RealClearPolitics den Durchschnitt gezogen hat.)

Nun die Überraschung, die keine ist, weil Präsidentenwahlkämpfe in den USA grundsätzlich aus Überraschungen bestehen. Zum Wochenbeginn ermittelte Rasmussen Reports praktisch den Gleichstand: 42 Prozent für Obama, 41 Prozent für McCain. Dies, so Rasmussen, sei die niedrigste Präferenzrate seit Anfang Juni, als es Obama gelang, die Rivalin Hilary Clinton aus dem Rennen zu werfen.

Die Erklärung wäre allerdings überraschungsfrei. Die Wähler vertrauen McCain mehr in der Sicherheits- und Außenpolitik (54 gegenüber 29 Prozent) und insbesondere in der Irakpolitik (49 gegenüber 37 Prozent). Freilich befindet sich Obama gerade auf seiner Tour durch Irak und Europa; folglich bleibt abzuwarten, wie sich die Reise (die ein ungeheures Medieninteresse in den USA erzeugt hat) auf die Polls auswirken wird.

Ein anderer Grund für den Auftrieb wäre allerdings neu. Die Hälfte der Befragten meint, dass die Medien auf Seiten von Obama stünden. Nur 14 Prozent glauben, dass die Journalisten McCain mit ihrer Berichterstattung helfen wollen. Die Wähler glauben auch, dass die Medien die Wirtschaft und den Irakkrieg schlechter aussehen lassen, als sie sind, um Obama zu helfen. Hier scheint sich also ein "Das-ist-nicht-fair"-Effekt für McCain auszuwirken.

Rasmussen meldet aber auch, dass der Gleichstand in den Umfragen die Wahlchancen von McCain nur leicht verbessere. Zählt man nicht die Prozente, sondern die Wahlmännerstimmen, so käme Obama auf 293 und McCain auf 227 Stimmen. 270 reichen, um von dem Kollegium zum Präsidenten gekürt zu werden.