Alkohol Prost, Spitzhörnchen!

Erstmals haben Wissenschaftler einen chronischen Trinker im Tierreich entdeckt: Die kleine Säugerart nährt sich von Palmenbier

Im Urwald West-Malaysias haust ein Geschöpf, das nur fern verwandt ist mit dem Menschen. In einer Hinsicht ist das Federschwanz- Spitzhörnchen uns Zweibeinern aber doch recht nah: Es hat ein Schwäche für Alkoholisches, und zwar eine chronische. Allnächtlich klettert die kleine Kreatur auf die struppigen Fruchtstände der Bertam-Palme und schlürft deren Nektar heraus. Der hat es in sich. Fast vier Prozent Alkohol stecken in dem Pflanzensaft, und das Spitzhörnchen nährt sich fast nur davon. Wie deutsche Forscher jetzt in den Proceedings of the National Academy of Sciences berichten, kann der Säuger das sogar ganz gut vertragen: Betrunken werden die Tiere offenbar nicht. Der Tierphysiologe und Erstautor der Studie, Frank Wiens von der Universität Bayreuth, erklärt, was seine Entdeckung im südostasiatischen Dschungel so einmalig macht.

ZEIT ONLINE: Warum sind die Trinkgewohnheiten des Spitzhörnchens bislang nicht aufgefallen?

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Frank Wiens: Das Federschwanz-Spitzörnchen ist im Freiland bisher noch nie richtig untersucht wurde. Die Art ist zwar nicht völlig neu. Aber bisher war das Spitzhörnchen eher von stammesgeschichtlichem Interesse, weil es den ausgestorbenen Vorfahren der heutigen Primaten vermutlich sehr ähnlich ist und auch heute noch ähnlich lebt. Ursprünglich hat man die Art sogar direkt zu den Primaten gezählt.

ZEIT ONLINE: Was hat das Spitzhörnchen denn nun mit dem menschlichen Alkoholgenuss zu tun?

Wiens: Was den menschlichen Alkoholkonsum angeht, so sagen heute viele, dass der wohl zufällig entstand, weil Alkohol erst mit der Erfindung des Brauens verfügbar worden sei. Unsere Studie zeigt, dass das so nicht sein muss, sondern das Alkohol auch in natürlichen Lebensräumen zur Verfügung steht, und dann auch noch bei einer solch interessanten Art.

ZEIT ONLINE: Was bringt Ihre Entdeckung aus wissenschaftlicher Sicht?

Wiens: Das könnte ein Modell sein für ein Stadium, das während der Evolution – in der Linie, die zum Menschen führt – durchlaufen worden ist. Es ist aber auch ein Modell für Ursache und Wirkung von Alkohol in einer komplexen Umgebung, das sich zu studieren lohnt.

ZEIT ONLINE: Wäre es nicht möglich, dass es sich einfach um eine Laune der Natur handelt?

Wiens: Es kann sein, dass es ein Spezialfall der Evolution ist, das wissen wir noch nicht genau. Es ist aber sicher so, dass manche Menschen mehr, manche weniger Alkohol vertragen. Im Labor hat man bisher versucht, das an Ratten oder Mäusen zu untersuchen, an Tieren also, die außerhalb des Labors gar keinen Alkohol trinken würden.

ZEIT ONLINE: Warum wurden Tiere mit chronischem Alkoholkonsum nicht schon früher beschrieben?

Wiens: Es gab bisher kaum Daten. Losgetreten wurde die ganze Geschichte etwa vor acht Jahren mit einem Artikel von Robert Dudley aus Berkeley. Er schrieb damals, dass der chronische Alkoholkonsum über reifes Obst ein generelles Phänomen unter Fruchtfressern sein könnte. Die meisten Früchte kommen aber saisonal vor, eine chronische Aufnahme ist da nicht so einfach zu belegen.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben, es gebe mehrere Arten, die den Nektar der Bertam-Palme trinken.

Wiens: Ja. Wir haben uns aber auf zwei konzentriert, auf das Federschwanz-Spitzhörnchen und einen nachtaktiven Halbaffen, den Plump-Lori. Sie haben wir mit Radiohalsbändern versehen und über mehrere Jahre verfolgt. Es gibt daneben noch eine Hörnchen-Art – Hörnchen sind etwas anderes als Spitzhörnchen  – und mehrere Rattenarten, die von diesem Nektar trinken. Die haben wir aber nicht mit Sendern ausgestattet.

ZEIT ONLINE: Wie können Sie nun sicher sein, dass die Spitzhörnchen ständig alkoholisiert waren?

Wiens: Wir haben die Aufnahme einmal direkt im Feld gemessen und anhand eines Modells einen Schätzwert berechnet. Wir wollten das aber noch auf eine zweite, unabhängige Art messen, dazu haben wir die Haare der Tiere, auf ein Stoffwechselprodukt hin analysiert. Es heißt Ethylglucoronid heißt. Beim Menschen ist das mittlerweile ein Standardverfahren, um den Alkoholkonsum zu bestimmen. Wir haben das erstmals bei wilden Tieren angewendet und in den Haaren der Spitzhörnchen sehr, sehr hohe Konzentrationen von diesem Stoffwechselprodukt gefunden. Auch in jenen der anderen Tiere, aber die haben wir im Feld eben nicht beobachten können.

ZEIT ONLINE: Nun hat fast jeder aber schon mal Filmaufnahmen von betrunkenen Tieren gesehen, oder vergleichbares gelesen.

Wiens: Wir haben versucht, diesen Geschichten auf den Grund zu gehen, und nirgends Belege gefunden, dass diese Tiere in der Natur wirklich Alkohol trinken. Wenn es da wirklich Trunkenheit im Sinne einer Intoxikation gegeben hat, dann waren vielleicht andere Substanzen dafür verantwortlich. Aber es wäre ingesamt ohnehin nicht sehr sinnvoll, das ist ja viel zu risikoreich. In einer stabilen ökologischen Beziehung sollten Tiere nicht betrunken werden. Unsere Arbeit zeigt aber, dass der Selektionsdruck beim Spitzhörnchen offenbar zu einer Anpassung geführt hat.

Die Fragen stellte Ulrich Bahnsen.

 
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