Alkohol Prost, Spitzhörnchen!Seite 2/2

ZEIT ONLINE: Warum wurden Tiere mit chronischem Alkoholkonsum nicht schon früher beschrieben?

Wiens: Es gab bisher kaum Daten. Losgetreten wurde die ganze Geschichte etwa vor acht Jahren mit einem Artikel von Robert Dudley aus Berkeley. Er schrieb damals, dass der chronische Alkoholkonsum über reifes Obst ein generelles Phänomen unter Fruchtfressern sein könnte. Die meisten Früchte kommen aber saisonal vor, eine chronische Aufnahme ist da nicht so einfach zu belegen.

ZEIT ONLINE: Sie schreiben, es gebe mehrere Arten, die den Nektar der Bertam-Palme trinken.

Wiens: Ja. Wir haben uns aber auf zwei konzentriert, auf das Federschwanz-Spitzhörnchen und einen nachtaktiven Halbaffen, den Plump-Lori. Sie haben wir mit Radiohalsbändern versehen und über mehrere Jahre verfolgt. Es gibt daneben noch eine Hörnchen-Art – Hörnchen sind etwas anderes als Spitzhörnchen  – und mehrere Rattenarten, die von diesem Nektar trinken. Die haben wir aber nicht mit Sendern ausgestattet.

ZEIT ONLINE: Wie können Sie nun sicher sein, dass die Spitzhörnchen ständig alkoholisiert waren?

Wiens: Wir haben die Aufnahme einmal direkt im Feld gemessen und anhand eines Modells einen Schätzwert berechnet. Wir wollten das aber noch auf eine zweite, unabhängige Art messen, dazu haben wir die Haare der Tiere, auf ein Stoffwechselprodukt hin analysiert. Es heißt Ethylglucoronid heißt. Beim Menschen ist das mittlerweile ein Standardverfahren, um den Alkoholkonsum zu bestimmen. Wir haben das erstmals bei wilden Tieren angewendet und in den Haaren der Spitzhörnchen sehr, sehr hohe Konzentrationen von diesem Stoffwechselprodukt gefunden. Auch in jenen der anderen Tiere, aber die haben wir im Feld eben nicht beobachten können.

ZEIT ONLINE: Nun hat fast jeder aber schon mal Filmaufnahmen von betrunkenen Tieren gesehen, oder vergleichbares gelesen.

Wiens: Wir haben versucht, diesen Geschichten auf den Grund zu gehen, und nirgends Belege gefunden, dass diese Tiere in der Natur wirklich Alkohol trinken. Wenn es da wirklich Trunkenheit im Sinne einer Intoxikation gegeben hat, dann waren vielleicht andere Substanzen dafür verantwortlich. Aber es wäre ingesamt ohnehin nicht sehr sinnvoll, das ist ja viel zu risikoreich. In einer stabilen ökologischen Beziehung sollten Tiere nicht betrunken werden. Unsere Arbeit zeigt aber, dass der Selektionsdruck beim Spitzhörnchen offenbar zu einer Anpassung geführt hat.

Die Fragen stellte Ulrich Bahnsen.

 
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