Es ist ein mittleres Erdbeben. Der Goethekosmos steht Kopf und mit ihm die Goethegemeinde in nah und fern. Vor ein paar Jahren erst hatte sie sich noch mit der unerhörten Vermutung auseinanderzusetzen, der Meister sei schwul gewesen. Ausgerechnet Goethe! Dann kam im Goethejahr 1999 Roberto Zapperi mit seinem Roman Das Inkognito auf den Markt, in dem er Goethes Untertauchen in Rom als Undercoveraktion darstellte, einer glänzend recherchierten Geschichte, die wunderbar zu Goethe und seiner Lust an der Verkleidung passte.

Und jetzt kommt wieder ein Italiener: Ettore Ghibellino, promovierter Jurist und Goetheforscher im Zweitberuf. Er wirbelt seit einiger Zeit mit seinem Buch Goethe und Anna Amalia – Eine verbotene Liebe? die vertraute Sicht auf Werk und Leben des Dichterfürsten durcheinander und dies mit unverhohlener Lust an der Provokation. Nicht die Freifrau Charlotte von Stein sei die große Liebe des Dichters gewesen, sondern Herzogin Anna Amalia, die kunstsinnige Mutter von Carl August, der Goethe überhaupt erst nach Weimar an den Hof geholt hatte.

Frau von Stein aber sei lediglich eine Strohdame gewesen, damit der Schwindel nicht aufflog. Schließlich hätte eine offene Liaison mit der Herzogin einen veritablen Skandal im tratschsüchtigen Weimar und darüber hinaus bedeutet. Das hätte vermutlich nicht einmal Goethe mit seinem an Pikanterien nicht gerade armen Lebenslauf überlebt, außerdem wäre das Verhältnis zu seinem Männerfreund Herzog August nachhaltig erschüttert worden.

Ettore Ghibellino sagt, Goethes zahlreiche Briefe an seine heimliche Geliebte mussten mit "Charlotte von Stein" chiffriert werden. Stets schreibt Goethe auch nur "Liebe Frau" in der Anrede, verkneift sich den Namen. Antwortbriefe aber, die alles hätten klären können, wurden sie heute nicht gefunden. Ein ideales Feld also für Spekulationen der kühnsten Art.

"Die Quellen sind vergiftet", sagt Ghibellino und verweist auf bereinigte Archive und den in Selbstdarstellung und Denkmalspflege außerordentlich versierten Dichter. Zwar habe der ein paar diskrete Hinweise gegeben, so etwa im Tasso, wo der Titelheld die Prinzessin Leonore liebt und es deswegen zum Eklat kommt. Außerdem seien Passagen in den Briefen immer wieder in lupenreinem Latein oder Italienisch verfasst. Frau von Stein sei aber weder des einen noch des anderen mächtig gewesen. Im Unterschied zur Herzogin sei sie auch keineswegs die Intellektuelle gewesen, als die sie der Forschung lange Zeit erschien.

Ghibellinos Buch ist bereits 2003 erschienen und seither in mehreren Überarbeitungen neu aufgelegt worden. An der Kernthese freilich hat sich nichts geändert: Der 39 -Jährige, der zuvor als Rechtsreferendar in Oberfranken tätig war, hat inzwischen einen "Anna Amalia und Goethe Freundeskreis" in Weimar gegründet mit immerhin 200 Mitgliedern, darunter Germanisten und Historiker, vor allem aber intime Kenner von Goethes Leben und Werk. Und er veranstaltete im vergangenen Jahr zu Anna Amalias 200. Todestag einen Kongress, dessen Ergebnis er ebenfalls in Buchform (Titel: "Alles um Liebe") publizierte und landauf, landab in den Literaturhäusern vorstellte.