Eine Gruppe Gymnasiasten aus dem bayerischen Dillingen hat an diesem Donnerstag das große Los gezogen. Schon vor einem Jahr hatte die 11. Klasse eine Besichtigung des Kanzleramts gebucht, jetzt kommt sie genau in dem Moment von ihrem Rundgang zurück, als ein weißer Chevrolet vorfährt. So kommen die Schüler auf ihrer Klassenreise dem hohen Gast sehr viel näher als die vielen Schaulustigen vor dem Zaun. Die können nur aus großer Entfernung etwas sehen und warten vergeblich darauf, einen Blick auf den hohen Gast aus Übersee werfen zu können. Die Schüler aus Dillingen jedoch kreischen, Barack Obama winkt. "I saw him!", jubeln sie anschließend und tanzen auf der Straße.

Berlin ist im Obama-Fieber. Überall stehen an diesem Tag Zaungäste, überall Kameras. Kurz vor zehn vermelden die Nachrichtenagenturen per Eilmeldung: "Obama gelandet". Es beginnt ein Stadtbesuch im Laufschritt. Vom Flughafen Tegel braust die lange Autokolonne mit dem Präsidentschaftskandidaten der Demokraten direkt zum Kanzleramt, der ersten Besuchsstation. Im Foyer gibt es einen Bildtermin, Angela Merkel und ihr Gast lächeln stumm, Obama klopft der Kanzlerin freundschaftlich auf die Schulter. Er trägt einen dunklen Anzug und eine blaue Krawatte. Kein Wort allerdings lassen sich die beiden entlocken.

Eine knappe Stunde reden die beiden miteinander. Anschließend teilt ein Regierungssprecher im schönsten gestelzten Diplomatendeutsch mit, es habe sich um ein "sehr offenes und in die Tiefe gehendes Gespräch" gehandelt. Im Mittelpunkt habe die "intensive Erörterung" außenpolitischer Themen von Iran über die Lage in Afghanistan und Pakistan bis zum Nahost-Friedensprozess gestanden – so, als habe irgendein beliebiger Staatsmann bei Merkel vorbeigeschaut und nicht der übergroße Hoffnungsträger dies- und jenseits des Atlantiks und mögliche künftige mächtigste Mann der Welt.

Es ist eine bewusste Geste der Kanzlerin, dass es keine gemeinsamen Statements gibt, um die im Vorfeld so sehr aufgeladene Visite ein wenig herunterzuspielen. Schließlich ist Obama ja noch nicht Präsident, und die Republikaner seines Rivalen McCain, die den deutschen Christdemokraten traditionell näherstehen, möchte sie auch nicht verprellen.

Viele andere wollen Obama ebenfalls sehen. Vor dem Kanzleramt stehen die Neugierigen, vor dem Hotel Adlon unweit des Brandenburger Tors, wo Obama für 24 Stunden abgestiegen ist, drängen sich die Schaulustigen. Fans in blauen T-Shirts mit dem Obama-Slogan "Yes we can" sind darunter, auch Touristen, die "nur mal schauen" wollen. Doch auch dort bekommen ihn die wenigsten zu Gesicht, denn der Gast fährt nach der Begegnung mit Merkel am Hintereingang vor.

Nur an der Siegessäule, wo Obama am Abend seine mit Spannung erwartete Rede halten wird, können seine Fans sicher sein, ihren Star erblicken zu können. Schon am frühen Nachmittag sammeln sich deshalb dort die ersten Anhänger.