Politkult Obama, Europas bester Kumpel
Die deutsche Öffentlichkeit ist verliebt in einen Politiker. Grassiert das Obama-Fieber auch im Ausland? Ja, aber es äußert sich anders
Ach, Obama. Ihm ist gelungen, was sonst nur Fußball-Weltmeister oder Friedensnobelpreisträger schaffen: das publizistische Deutschland zu einen. Er ist ein moderner Held, einer, den man von taz bis FAZ einfach gut findet. Allenfalls halbironisch nennt die linksalternative taz Obama eine „Sehnsuchtsfigur“, ein „Gegenbild zu dem aggressiven Provinzialismus des George W. Bush“. Ganz ähnlich argumentiert das liberale Wirtschaftsblatt aus Frankfurt, wenn es schreibt, dass Obama „ein anderes, ein neues, ein besseres Amerika“ verkörpere als der amtierende Präsident.
Der Boulevard ist ganz aus dem Häuschen: Eine Bild -Reporterin, die IHM (stets in Majuskeln) bis ins Fitness-Studio hinterherlief, schwärmt von SEINEN „durchtrainierten Armen“ und der „knackigen Rückansicht“. Und für Spiegel.online erübrigt sich seit gestern Abend jede weitere Diskussion: Jeder, der Obamas (Spiegel-Synonym: „Super-Star“) Auftritt „gesehen hat, weiß: Dieser Mann wird der 44. Präsident der USA“, steht über einem Leitartikel.
Bei so viel teutonischer Obama-Manie drängt sich die Frage auf, wie es dem Ausland geht: Was macht zum Beispiel Frankreich, das Land, das Obama heute als nächstes bereist? Feiert ihn die dortige Presse? Versammeln sich in Paris auch schon die Menschen mit „Yes, we can“-T-Shirts auf der Champs Elysée?
Nein. Zwar titelt auch die französische Presse heute meist mit Obama, die Internetseiten widmen ihm Aufmacher und Unteraufmacher. Aber der Ton ist weniger euphorisch, eine gewisse skeptische Distanz kaum zu überlesen. So hinterfragt Le Monde beispielsweise, ob Obama Europa gut kenne und sich aufrichtig dafür interessiere – oder ob er den Erdteil bloß für seinen Wahlkampf instrumentalisiere.
Auch haben sich auf den Straßen von Paris keine Groupies versammelt, anders als in Deutschland, wo Obama bei jeder Etappe von kreischenden und fotografierenden Fans begrüßt worden ist. Das hat allerdings auch damit zu tun, dass das Obama-Team das Bad in der französischen Menge vermeiden will. "Wohlwissend, dass Popularität in Frankreich ihm bei einem Teil seiner Wählerschaft schaden könnte", schreibt Le Figaro und spielt damit auf Ressentiments zwischen Franzosen und Amerikanern an.
Den Präsidenten Frankreichs indes ficht das nicht an. "Obama? Der ist mein Kumpel", wird Sarkozy von Le Figaro zitiert. Er weiß, wie viel populärer Obama ist als George Bush oder gar John McCain. Anders als seine Berater habe Sarkozy „nie an eine Chance von Hillary Clinton geglaubt“. „Ich habe immer gesagt, dass Obama nominiert wird.“ Ohnehin sei er der „einzige Franzose, der Obama bereits kenne“, wird Sarkozy im Figaro zitiert. Er habe ihn 2006 als Innenminister in Washington getroffen und habe daran eine gute Erinnerung. Würde Obama das Präsidentschaftsrennen gewinnen, wäre auch seine Strategie aufgegangen, die eine Versöhnung Europas mit Amerika vorsehe, sagt Sarkozy.
Nach dem fünfstündigen Aufenthalt in Paris fliegt Obama weiter nach London. Großbritannien blickt dem Obama-Besuch am unaufgeregtesten entgegen. Der britische Boulevard ignoriert ihn schlicht, auf der Titelseite der Sun zum Beispiel sucht man den US-Präsidentschaftskandidaten vergebens. Auch für die seriösen britischen Blätter ist die innenpolitische Krise der Labour-Regierung momentan wichtiger. Gewohnt nüchtern schreibt die Times : „Wenn es um unmittelbare Bedrohungen unserer Sicherheit geht wie Terrorismus oder Klimawandel, so dürften die USA unabhängig vom Kandidaten für das Präsidentenamt Kontinuität in ihrer Politik zeigen.“
Von London aus fliegt Obama zurück in die USA. Wie wurde hier sein Auftritt vor der Siegessäule rezipiert? Nun, allzu viel Zeit widmeten die US-Medien Obama gestern nicht. Zwar war seine Berliner Rede in den meisten Medien durchaus die Top-News, zum Teil wurde sie live übertragen. Unmittelbar danach aber wendeten sich die Nachrichtensendungen anderen wichtigen Themen zu: Etwa dem Hurrikan in Texas oder einer neuen Krebsstudie.
Inhaltlich allerdings sind sich die amerikanischen Kommentatoren einig: Die Obama-Reise durch den Mittleren Osten und Europa war strategisch ein absoluter Erfolg des Demokraten. Nicht zuletzt, weil sein Gegner John McCain nichts dagegen bewirken konnte. Zwar haben die Republikaner Gegenveranstaltungen auch in Berlin programmiert – allerdings in Berlin, New Hampshire, Berlin, Wisconsin, und Berlin, Pennsylvania. McCain selbst erschien, während Obama vor 200.000 Menschen an der Siegessäule sprach, bei Schmidt’s Restaurant in Columbus, Ohio, einem deutschen Bratwurst-Dinner.
„McCain hatte eine desaströse Woche“ zitiert die New York Times Ed Rollins, einen Berater aus dem Republikaner-Lager. Am heutigen Freitag trifft McCain den Dalai Lama, danach wird er sich am Wochenende zu Hause in Arizona ausruhen. "Dann ist für ihn diese missliche Woche endlich vorbei", schreibt die New York Times .
Mitarbeit: Alain-Xavier Wurst
- Datum 22.01.2009 - 15:29 Uhr
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- Quelle ZEIT online
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Wäre es nicht an der Zeit, wieder etwas "normal" zu weden. Mir scheint, dass das "Obama-Fieber" (auch hier bei der ZEIT) ein künstlich induziertes Delirium ist. Aber es wird wohl hoffentlich vorüber gehen.
... und zweifellos hat er recht, dass die Amerikabegeisterung trotz aller pausenlosen antiamerikanischen Kommentare unterschwellig wahrscheinlich immer vorhanden war, wie die nie abgebrochene Kette von Abermillionen deutscher Auswanderer nach Amerika deutlich erweist. Genau wie viele Amerikaner wandern hingegen bei uns ein? Obama selbst ist ja Einwandererkind, dessen Großvater noch die verhassten europäischen Kolonialherren bedienen musste. Mehr Afrikaner, mehr Chinesen, mehr Inder studieren heute in Amerika als in irgend einem anderen Land. Kein Zweifel, die Botschaft der einst vom französischen Volk gestifteten Freiheitsstatue "Ich rufe die Armen und Unterdrückten aus aller Welt" leuchtet noch.
Unsere moderne Welt perzipiert sich selbst durch die Medien. Deshalb werden schlichte Medien-Ereignisse zur Wirklichkeit, obwohl die echte Wirklichkeit natürlich immer noch eine andere ist.
Gestern war es das mediokre Schauspielerpaar Brangelina, heute ist es der Vielversprecher Obama. Substanz hat das alles nicht.
Was erschreckt, ist, dass man grosse Mehrheiten gegen die EU organisieren kann, obwohl deren Mechanismen wirklich Frieden und Wohlstand ermöglichen. Gleichzeitig wird ein Obama gefeiert, obwohl er seinen Tages-Job als Vorsitzender der Kongress-Unterausschusses für Europa schlichtweg nicht macht. Für mich heisst das, dass die meisten Menschen Demokratie als System nicht leben, aber jederzeit bereit sind, einem Führer zu folgen. Da kann man nur hoffen, dass der Führer einigermassen anständig bleibt. Die Geschichte lehrt allerdings das Gegenteil.
illumination des "fiebers" manche männer werden vom (wahren) lichte illuminiert und wachsen verschwiegen zu wahren persönlichkeiten des lebens heran, anderen reicht schon der naive personenglaube aus, um vom "lichte" magisch zu faseln.
Politik ist die Kunst des Möglichen. Heilsversprechen gehören in die Kirche.
Die USA sind eben leider dadurch charakterisiert, dass diese beiden Welten nicht getrennt werden. Obama kann unmöglich die Versprechen, die er gestern gemacht hat, einhalten. Dass die Massen einfache Antworten auf schwierige Fragen wollen, ist ja bekannt (siehe irisches Referendum). Dumm ist das aber trotzdem (und politisch wertlos).
Am deutlichsten wird der "fake" des Herrn Obama an seiner gestrigen Mauer-Metapher. Am Tag zuvor war er noch in Israel und hat kein Wort zu der schändlichen Mauer dort gesagt (die ja immerhin mit reichlich amerikanischem Geld gebaut wird). In Berlin konnte er auf einmal gar nicht genug Mauern verbal einreissen. Watten 'nu?
...nur die Nahiven glauben an Wunder. Obama wird nicht die Politik der USA ändern; er wird lediglich die selbe Politik netter, moderner, lächelnd vermitteln. Sollte er Präsident werden, wir die folgende Entäuschung die jetzige unbegründete Begeisterung übersteigen: Wetten?
Korrektur: Verzeihung.
Sicherlich handelt es sich hierbei lediglich um einen persönlichen subjektiven Eindruck...
....doch seit der WM 2005 scheint mir Deutschland für allerlei öffentliche Events auffällig empfänglicher geworden zu sein, nicht zu letzt Dank oder gar wegen der Public-Viewing-Angebote.
Der Inhalt scheint dabei ersteinmal zweitrangig. Ob nun WM, EM, Obama, Bayreuther Oper....
Will man also das Obama-Fieber messen, empfehlt sich, den allemeinen Event-Begeisterung-Pegel erst einmal davon zu dividieren. :-)
Grüße Messala
In den ungerade Jahren sind immer die Damen dran; 2005 EM, 2007 WM *klugscheiß*.Ansonsten geb ich dir recht, diese blöde öffentliche Jubelei weil man halt jubeln will, egal für was, betrachte ich argwöhnisch; zum Glück war ich '06 ab der Hälfte der Männerfußball-WM woanders. Die Damen '07 haben im Übrigen nicht mal 1/10 der Aufmerksamkeit bekommen und die sind immerhin Weltmeister!Die Ausführungen von Shaef kann ich in gewisser Weise zustimmen; am Ende ist Obama auch ein ziemlich konservativer Typ, und wir Deutsche entscheiden nicht drüber, ob der der Chef der USA wird. Der hat ja auch nicht alleine zu bestimmen, wohin der Hase rennt und wird auch nicht alles Kritisierbare über den Haufen werfen können. Clinton ist z.B. dran gescheitert, eine für alle gültige Krankenversicherung zu etablieren. Der Präsident ist ja auch kein "Führer" sondern Vorsitzender; da sind auch viele Zeitungsberichte oder Äußerungen von Leuten ziemlich "aua", "Herr schmeiß Hirn vom Himmel"...Ich denke, daß sich knapp über 25% der US-amerikanischen Wähler (die ham ne Wahlbeteiligung von ca. 50%) für den McCain entscheiden wird.Den Wahnsinn des US-amerikanischen Wahlkampfs incl. der schon fast putzigen Klientelpolitik ("Was? die Umfragen sagen, daß die Farmer in Illinois Obama für ne abgehobene studierte Labertasche halten???? Herr Obama; näxte Woche bei Ihrem Termin dort nehmen Sie erstmal den Spaten in die Hand und graben ein Stück Boden um, um nachher mit Farmern zu bowlen und dabei ein Bud light zu trinken*lol*.") sind halt auch eher befremdlich für mich.
In den ungerade Jahren sind immer die Damen dran; 2005 EM, 2007 WM *klugscheiß*.Ansonsten geb ich dir recht, diese blöde öffentliche Jubelei weil man halt jubeln will, egal für was, betrachte ich argwöhnisch; zum Glück war ich '06 ab der Hälfte der Männerfußball-WM woanders. Die Damen '07 haben im Übrigen nicht mal 1/10 der Aufmerksamkeit bekommen und die sind immerhin Weltmeister!Die Ausführungen von Shaef kann ich in gewisser Weise zustimmen; am Ende ist Obama auch ein ziemlich konservativer Typ, und wir Deutsche entscheiden nicht drüber, ob der der Chef der USA wird. Der hat ja auch nicht alleine zu bestimmen, wohin der Hase rennt und wird auch nicht alles Kritisierbare über den Haufen werfen können. Clinton ist z.B. dran gescheitert, eine für alle gültige Krankenversicherung zu etablieren. Der Präsident ist ja auch kein "Führer" sondern Vorsitzender; da sind auch viele Zeitungsberichte oder Äußerungen von Leuten ziemlich "aua", "Herr schmeiß Hirn vom Himmel"...Ich denke, daß sich knapp über 25% der US-amerikanischen Wähler (die ham ne Wahlbeteiligung von ca. 50%) für den McCain entscheiden wird.Den Wahnsinn des US-amerikanischen Wahlkampfs incl. der schon fast putzigen Klientelpolitik ("Was? die Umfragen sagen, daß die Farmer in Illinois Obama für ne abgehobene studierte Labertasche halten???? Herr Obama; näxte Woche bei Ihrem Termin dort nehmen Sie erstmal den Spaten in die Hand und graben ein Stück Boden um, um nachher mit Farmern zu bowlen und dabei ein Bud light zu trinken*lol*.") sind halt auch eher befremdlich für mich.
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