Tour de France Fortschritt oder Stillstand?
Die Tour 2008 war keine Tour der Erneuerung. Dennoch gab es Anzeichen für einen Wandel. Gesamtsieger Carlos Sastre verkörpert beide Seiten.
Carlos Sastre taugt nicht sonderlich als Symbol einer neuen Generation, eines Bruchs mit der unappetitlichen Vergangenheit des Radsports. Sastre ist 33 Jahre alt, seit zehn Jahren Radprofi und hat mit zwei der problematischsten Figuren des Radsports zusammen gearbeitet: Dem Spanier Manolo Saiz, der erwiesenermaßen in seinen Mannschaften systematisches Doping betrieben hat; und Bjarne Riis, der das Team Telekom als Kapitän durch seine schlimmsten Dopingjahre geführt hat.
Als Buhmann taugt Sastre allerdings auch nicht. Der zurückhaltende und sympathische Madrilene wirkt aufrecht wenn er sagt: „Doping ist für mich 100 Prozent out.“ Er ist noch nie auffällig geworden. In Spanien nennen sie ihn „Don Limpio“ (Meister Propper), weil er so ein anständiger Kerl ist.
Welche Bedeutung hat dieser Sieger der Tour de France also für das größte Radrennen der Welt? Steht der Spanier für Fortschritt oder Stillstand?
Sastre sendet, wie die ganze Rundfahrt, eine gemischte Botschaft aus. Es gab während der Tour 2008 viele Anzeichen dafür, dass sich etwas ändert im Radsport. Und es gab Anzeichen dafür, dass Vieles beim Alten geblieben ist. Die drei positiven Dopingfälle etwa: Man kann sie sowohl als Zeichen des Stillstands deuten, als auch als Zeichen des Wandels. Dafür, dass alles beim Alten geblieben ist, spricht die Tatsache, dass noch immer mit Mitteln wie EPO und dessen Nachfolgeprodukten hantiert wird. Für den Fortschritt spricht hingegen die Tatsache, dass die Benutzer erwischt wurden.
Besonders ermutigend war, wie kompromisslos die Tour-Veranstalter und die französischen Behörden gegen die Doper vorgingen. Die Labore konnten in diesem Sommer Mittel nachweisen, die sie noch vor einem Jahr nicht gefunden hätten. Ein positives Zeichen ist auch, dass die Fahrer deutlich langsamer geworden sind, als etwa Lance Armstrong, Marco Pantani oder sogar als Alberto Contador im Vorjahr. Carlos Sastre brauchte bei seinem Etappensieg rund zwei Minuten länger für den Anstieg nach L’Alpe d‘Huez, als Pantani bei seinem Rekord. Er erbrachte dabei eine Leistung von 6,2 Watt pro Kilo Körpergewicht. Zu den Hochzeiten des EPO-Gebrauchs betrug dieser Wert 7,1 (Pantani) oder 6,7 (Armstrong), Contandors Wert war ähnlich hoch.
Ebenfalls Grund zur Hoffnung machte die Etappe des vergangenen Freitags, als drei Weltklassefahrer - der Träger des Gelben Trikots aus der ersten Woche, Roman Feillu, der mehrfache Tour-Etappensieger Juan Antonio Flecha und der Deutsche Meiser Fabian Wegmann abgehängt wurden und aus dem Zeitlimit fielen. Dass Top-Fahrer in der dritten Tour-Woche derart erschöpft sind, ist ein deutliches Zeichen der Besserung. Fabian Wegmanns besonderes Schicksal verstärkt dabei den Eindruck des Wandels: Wegmann litt unter Allergien, verzichtete jedoch klaglos auf erleichternde Mittel, weil der selbst auferlegte Ethik-Code der Mannschaften ihn daran hinderte.
- Datum 25.08.2008 - 12:04 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Die Gebetsmühle der Medienvertreter wirkt allmählich ermüdend. Mit dieser Feststellung soll das Thema Doping nicht verharmlost werden.
Aber die Qualität der Artikel spricht für sich. Am Freitag läutet die SZ den Abgesang ihrer Seriösität mit einer unbewiesenen Verdächtigung von Frank Schleck ein. Wenn Herr Leyendecker oder andere Journalisten dieser Zeitung in ihrer Laufbahn jemals so dünn recherchiert und argumentiert hätten, hätte sich die Zeitung nie ihren respektablen Ruf erarbeiten können.
Die Zeit macht keine Ausnahme. Kaum gewinnt ein Fahrer eine Etappe, so wird er zum Beweis des Unbeweisbaren aufgefordert.
Es mag unbefriedigend sein, aber es ist erkenntnistheoretisch unmöglich Unschuld zu beweisen. Nur ein deutscher Innenminister stellt diese Tatsache auf den Kopf.
Auch die Übersteigerung von Behauptungen in vormals seriösen Zeitungen läßt den kritischen Leser erschrecken. "Bjarne Riis, der das Team Telekom als Kapitän durch seine schlimmsten Dopingjahre"
Das Team Telekom hat vielen Sportjournalisten, die sich heute über die Vergangenheit auslassen, Lohn und Brot gegeben. Das Team Telekom hat den Radsport in Deutschland belebt. Jan Ullrich wurde von Medien und Politik jahrelang auf Händen getragen. Die meisten jener, die heute von dem Makel der Vergangenheit sprechen, sind selbst Bestandteil der Vergangenheit gewesen.
Zuweilen mutet die Berichterstattung wie ein Irrwitz an. Ein Jörg Jaksche, der selbst in der Vergangenheit vom Doping profitiert hat, darf heute als der Saubermann der Szene den gesäuberten Zeigefinger heben.
Mehr noch als alle Dopingvergehen widert die scheinheilige Sportberichterstattung an. Warum nur der Radsport? Weshalb nicht Fußball, Schwimmen, Turnen, Leichtathletik? Warum nur einzelne Sportler?
Nach welchen Kriterien werden die einstigen "Lieblinge der Massen" fallengelassen? Die Prüfungen der Tour de France wirken willkürlich. Aber nicht nur der Tour de France. Weshalb wirkten z.B. die russischen Spieler im Halbfinale der EM so kraftlos, dass einige Spieler sichtbar kaum die Beine heben konnten?
Wie werden sich die Medien bei den Olympischen Spielen verhalten?
Die grundsätzlichen Fragen bleiben bei allem Lamento über das leidige Doping unbeantwortet. Sind sportliche Großveranstaltungen dem Sport oder der Unterhaltungsindustrie zuzuordnen? Wie weit ist Doping in der Gesellschaft verbreitet? Dopen Führungskräfte auch? Wie werden Kinder für die Leistungsgesellschaft fit gemacht? Was nimmt der LKW-Fahrer, der 60 Std. pro Woche fahren muß, um seine Familie zu ernähren? Wie halten sich Ärzte fit, die nach einem Bereitschaftsdienst stundenlang operieren?
Vor diesen und ähnlichen Fragen werden knapp 200 Radfahrer auf einer Reise durch Frankreich bedeutungslos.
Die Leistungsgesellschaft fordert die Leistung des Einzelnen, fragt aber selten wie sie erbracht wird.
Es wird wohl ein Traum bleiben, von sauberer Tour oder gar sauberen Sport sprechen zu können. Aber die diesjährige Tour hat gezeigt, dass das Netz enger geworden ist und sicher dafür gesorgt, dass Sportler nicht mehr gedankenlos rumdopen können. Die Unsicherheit bei den Fahrern ist sicher größer geworden und das ist gut so und führt sicher zu einer saubereren Tour.
Die Zeiten eines dominanten Lance Armstrong sind auf jeden Fall vorbei und das macht die Tour selbst auch wieder attraktiver. Es bleibt zu hoffen, dass die scharfen Kontrollen auch in anderen Sportarten Fuß fassen, denn wer glaubt, Doping sei nur ein Problem des Radsports, einigen Kraftsportarten und Schnellkraftsportarten, irrt. Es wäre spannend zu erfahren, was wäre, würde man mit dieser Genauigkeit auch im Fußball Kontrollen durchführen. Ich hatte und habe den Eindruck, dass die Verbände dort kein Interesse daran haben, würden solche Events wie EM oder WM von Dopingfällen belastet. Nur ein Verdacht, aber ich zweifel daran, dass der Fußball sauber ist, bei den Summen, um die es da geht. Aber irgendwann platzt auch da die Bombe und dann rächt sich, dass man in der Vergangenheit den Fußball immer außen vor gelassen hat.
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