Er ist der unheimliche Star der Veranstaltung: Ingeborg-Bachmann-Preisträger Tilman Rammstedt  benutzt zwar kein Twitter, aber auch ihm hat es "Frank93" angetan. Rammstedt rezitiert die Werke des jungen Berliners, der auf jeweils 140 Zeichen wehleidet, liebt und hasst. "Du siehst so aus, als könnte ich einen Drink gebrauchen." Frank Lachmann produziert sich und sein Leben als Kunstfigur im Internet, bloggt seit Jahren und benutzt seit einiger Zeit den Micro-Blogging-Dienst Twitter. Dieser gibt ihm 140 Zeichen Platz pro Beitrag – wer seine Beiträge regelmäßig lesen will, muss seine Kurzanmerkungen abonnieren.

Ein Vogelschwarm trägt an dünnen Seilen einen dicken Wal davon. Die meisten der gut 200 Besucher der Twitterlesung in der Berliner Kulturbrauerei kennen dieses Bild, das immer dann kommt, wenn die Website wieder einmal kaputt ist. Und Twitter ist häufig nicht erreichbar. Jeder kann dort jederzeit etwas veröffentlichen, und durch die Länge sind auch von Natur aus Redselige eingeschränkt. "Manchmal sind auch 140 Zeichen zu lang", sagt Tilman Rammstedt.

Durch Interaktionsmöglichkeiten, Links und die Beiträge selbst ergibt sich ein kontinuierlicher Informationsfluss, dessen Qualität der Selektionsfähigkeit eines jeden überlassen bleibt: Wen und was man lesen möchte, entscheidet man selbst. In der Kulturbrauerei sind Twitterer mit Twitterern zusammengekommen, um sich mittels Twittertweets (so nennt man die einzelnen Beiträge) zu amüsieren.

Dass man mit 140 Zeichen viel tun kann, zeigen Beispiele aus Japan. Ganze Romane sind dort durch Aneinanderreihungen von Kurznachrichten entstanden und verkaufen sich gut. Ihre Autoren sind Berühmtheiten, ganz wie die Bestsellerautoren herkömmlicher Literatur. Man kann also, wenn man möchte.

Lachmann ist einer der mehreren Tausend deutschen Twitteruser – und ohne jeden Zweifel einer der berühmtesten. Er gibt eine Menge Nichts von sich preis, fast jeden Tag ein Häppchen. Das charakteristische Merkmal seiner Beiträge ist neben dem beißenden Kampf mit dem Berliner Alltag die oft unanständige Uhrzeit, zu der er Beiträge von Computer oder Mobiltelefon abschickt.

Und da ist noch Markus Angermaier. "Wer lacht, hat Ressourcen frei", schreibt er. Der Berliner Grafiker ist  einer der meistgelesenen deutschen Nutzer der Netzplattform. Wie viele andere Twitterer ist er ein "Freelancer": ein freiberuflicher Arbeiter, der einen Großteil des Tages eh am Computer verbringt. Den Webbrowser immer offen, ist das Micro-Blogging-Tool eine Art schnell erreichbare Raucherecke. Kollegengespräch, Klatsch und Tratsch – und oft eher zum Amüsement der Mitwelt. So süchtig wie Nikotin macht Twitter natürlich auch.

"Egotainment" oder "Oberschichtenfernsehen", zwei Worte, die schnell fallen. Twitterer sind die Avantgarde der deutschen Digitalen. Die Lesung hat derweil ihre kurzen Stärken und ihre langen Längen. Drei Stunden 140 Zeichen-Texte? Teilweise von eben jenen vorgetragen, die sie schufen? Der Spaß am Kurztext aus der Konserve variiert. Hinter den Alltagsaphorismen und der Neoproletarierprosa verbergen sich sowohl Perlen als auch Säue. Ginge es nach den Zuschauern, der nächste Bachmann-Preisträger wäre Frank Lachmann. Doch beileibe nicht jedes Wortspiel der Twitterer ist große "Twitteratur". Maximal 140 Zeichen sind oft nur eine Kurznachricht. Die Faszination dieser Kurztextmassenproduktionsstätte, dem Nicht-Twitterer bleibt sie vorerst wohl weiter verschlossen.