Internet-Zensur Selektive Repression in China

Die kommunistische Führung versucht mit ausgeklügelten Maßnahmen, den Informations- und Diskussionsdrang der Chinesen im Internet einzudämmen. Das trifft nicht nur ausländische Journalisten

Verstehe einer die virtuelle Welt in China. „Amnesty International Webseite in olympischen Stätten gesperrt“ lautet eine Pressemeldung der Menschenrechtsorganisation vom 28. Juli. Vier Tage vor Beginn der Olympischen Spiele ist diese Meldung und damit die Webseite vom amnesty nun nicht nur im olympischen Pressezentrum in Peking, sondern im ganzen chinesischen Internet zu lesen. Vielleicht ist das ein Ausgleich dafür, dass trotz einer inzwischen gelockerten Zensur die Seiten von anderen Menschenrechtsorganisationen (z. B. Human Rights in China), exiltibetischen Institutionen und der in China verbotenen Sekte Falungong weiterhin nicht zugänglich sind.

Kaum vorstellbar scheint eine andere Erklärung: dass es technisch für China nicht so einfach sei, das Internet nur für eine bestimmte Marge von IP-Adressen, sprich: Standorten, zu öffnen.

Anzeige

Neben aller begründeten Empörung stellt sich zuallererst die Frage: Warum griff die chinesische Führung überhaupt zu diesen Zensurmaßnahmen? Denkt sie, einige Journalisten hätten vorher noch nie etwas von amnesty international gehört? Oder hat sie Angst, dass Journalisten gezielt nach Informationen über Falungong oder Tibet suchen und diese per Mail oder per Posting in der Volksrepublik verbreiten?

Ganz am Rande ließe sich auch die Frage diskutieren, warum die kommunistischen Behörden BBC gesperrt haben, CNN aber nicht? Qualitätsurteil oder Lobbyismus? Vielleicht sind all diese Fragen aber auch ein Beweis dafür, dass die chinesische Internetpolitik komplexer und widersprüchlicher ist, als durch die jüngste Aufregung auf allen Seiten vermittelt wird.

Im Allgemeinen geht es bei Chinas Internetzensur nüchtern zu. „Diese Seite kann nicht angezeigt werden“, erscheint anstatt der Webseite von "Human Rights in China" auf dem Bildschirm. „Die Webseite ist auf Probleme gestoßen“, gibt der Webbrowser als eine weitere technische Erklärung an. Manchmal bleibt der Bildschirm auch weiß, oder der Browser oder der ganze Computer stürzen ab.

In der Tat hat die chinesische Führung ein Problem mit der US-Menschenrechtsorganisation. Sie verstößt aus Sicht Pekings gegen mindestens zwei der aktuell zehn als illegal klassifizierten Online-Inhalte: Verletzung der Ehre Chinas sowie Zusammenstellung und Verbreitung von falschen Informationen.

Die chinesische Führung setzt in puncto Internetkontrolle auf eine Mischung aus Technologie, Appell zur Selbstzensur und Repressionen. Denn das Internet blüht auf wie nie zuvor in China. Im Februar hat die Volksrepublik die USA als größte Internet-Nation überholt. Mehr als 220 Millionen Chinesen, rund 17 Prozent der Bevölkerung, surfen durch das World Wide Web.

Neben Entainment-Konsum gestalten Chinas Netizens den Inhalt der virtuellen Weiten zunehmend selbst. Die Zahl der Blogger ist im letzten Jahr von 17,5 Millionen auf 47 Millionen angewachsen. Ein Viertel aller Internetnutzer schreibt regelmäßig auf Diskussionsplattformen. Nachrichten und Videos von lokalen Protesten sowie Protestbriefe und Meinungskontroversen verbreiten sich trotz Zensurbemühungen oft in Windeseile durch die virtuellen Weiten.

Die Ministerien für Staatssicherheit, öffentliche Sicherheit, Industrie und Information sowie ihre lokalen Büros teilen sich die Kontrollarbeit. Im Rahmen des Programms „Golden Shield“, auch als „Great Firewall of China“ bezeichnet, werden u. a. sensible IP-Adressen geblockt oder URLs nach regelmäßig aktualisierten Schlüsselwörtern durchforstet.

Die Webseiten der Internetpolizei – westliche Medien geben ihre Zahl oft mit 30.000 an – sind öffentlich im Internet zugänglich (Beispiele: Internetpolizei von China, der Stadt Suzhou oder von der Stadt Daqing). Nutzer werden auf diesen Seiten aufgefordert, „schädliche Inhalte“ anzuzeigen. Die virtuellen Sicherheitskräfte überwachen Internetbars und durchforsten Webseiten, Diskussionsforen und Blogs. Finden sie eine nicht genehme Informationen, kontaktiere sie die Betreiber. Doch oft werden sie nicht fündig.

Denn die meiste Zensurarbeit leisten die Betreiber von Onlineplattformen. Sie müssen eine mehrköpfige interne Truppe für die mögliche Löschung von Beiträgen abstellen. Sonst droht im schlimmsten Falle Schließung und Lizenzentzug.

Die Zensur fängt oft schon bei der Themensetzung an. Das fällt kreativen Webmachern wie Zhang Dongsheng, Chefredakteur der Diskussionsplattform „Denker“, die zum Internetportal Tengxun gehört, nicht leicht. Die 1998 gegründete Firma mit Hauptsitz in Shenzhen, Südchina, residiert in Peking auf drei Etagen eines modernen Bürogebäudes im Nordwesten der Stadt. Dennoch fühle er sich oft eingeengt, sagt Zhang.

Er trommelt auf den dunkelbraunen Konferenztisch, während der letzte des sechsköpfigen Plattformteams zur täglichen Redaktionssitzung eintrudelt. Zhang – weißes T-Shirt mit zwei roten Cartoonköpfen und blauer Jeans – bittet um Themenvorschläge. Die Mitarbeiter schießen los: Immobilienmarktkrise, Massenrandale wegen vertuschten Mordes in Südchina und das olympische Hin und Her des französischen Präsidenten Nikolas Sarkozy. „Bei den Randalen können wir nur die online kursierenden Fragen etwas zuspitzen“, sagt der Chef, „in puncto Sarkozy dürfen wir allein die offizielle Meinung aufgreifen.“

Neben bekannten Tabuthemen wie die Herrschaft der kommunistischen Partei, das Tiananmen-Massaker oder die Unabhängigkeit Taiwans sind die offiziell tolerierten Grenzen für noch oder nicht mehr akzeptable Informationen fließend. Sie schwanken je nach allgemeiner Lage im Land und Thema. „Dafür braucht es Erfahrung und manchmal auch Mut“, sagt Zhang. „Wir versuchen unseren Bloggern und Diskussionsteilnehmern größtmögliche Freiheit zu bieten.“

Zhang ist seit Ende 2001 bei der Firma. Mit dem Internet sei es ein ständiges Auf und Ab, sagt er. Kurz vor der Eröffnung der Olympischen Spiele obsiegt bei der chinesischen Führung offenbar im Moment wieder die Angst und die Repression. Immerhin: ZEIT ONLINE war zumindest bei Erstellung dieses Beitrags noch frei zugänglich.

 
Leser-Kommentare
  1. Unglaublich wieviele Tippfehler noch in dem Artikel stecken. (Anmerkung: Das Korrektorat war noch am Werk und hat die Fehler inzwischen verbessert. Vielen Dank für Ihren Hinweis. Die Redaktion/jk)

  2. Offenbar ist alles, was dieser Artikel beschreibt, unbestreitbar. Sonst gäbe es hier doch schon wieder ~25+ "Beiträge" der üblichen Junta-nahen chinesischen Forentrolle. aber im Angesicht von olypischer Journalistenpräsenz kann man ja derlei Zensur nicht einfach dreist bestreiten, jeder kann sehen, wie die Informationspolitik in China läuft.Alles, was gesagt werden kann, kann klar gesagt werden -
    Ludwig Wittgenstein

  3. Liest man den Artikel "Einheitsstrom der Medien",http://www.nrhz.de/flyer/...dann bekommt man eine gute Idee davon, wie "selektive Repression" auch hierzulande funktioniert.Und daß man sich im Internet frei und unkontrolliert informieren kann, wage ich angesichts der Vorratsdatenspeicherung, Webseitenbetreiberhaftung für Forenbeiträge und anderer subtiler Maßnahmen zu bezweifeln._______________________________________________________
    Die Interessen der ZEIT:
    http://de.wikipedia.org/w...
    Was derzeit wirklich passiert:
    http://www.pelastop.de/20...

  4. Jeden Tag eine neue Hetzseite über China - wie lange wollen sie das Spielchen noch betreiben? - bis die Olympiade vorbei ist bestimmt?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sicherlich suchen die westlichen Journatlisten nach einer Story vor und während der Olympiade in China. Tatsächlich haben die endlich eine gefunden, über die jetzt ausführlich diskutiert wird. Die Frage ist, ob die Sperre mancher Websiten wie AI oder Falunggon wirklich die journalistische Arbeit bezüglich der Olympiade in Peking behindert.
    Ich wette, dass die meisten Journalisten gar nicht gestört oder gejuckt würden, wenn solche Websiten vor vier Jahren in Athen oder vor zwei Jahren in der BRD gesperrt gewesen wäre.
    Andererseits bietet die KPCh selbst Angrifffläche zur Zeit der olympischen Spiele. Von der Weltoffenheit und gar einer Pressfreiheit, auch wenn nur den westlichen Medien gegenüber, sind die Pekinger Machthaber um Lichtjahre entfernt.
    Insofern tun die lauten Proteste der ausländischen Journalisten und das Einschalten der Politiker gut für eine positive Entwicklung in China.

    Sicherlich suchen die westlichen Journatlisten nach einer Story vor und während der Olympiade in China. Tatsächlich haben die endlich eine gefunden, über die jetzt ausführlich diskutiert wird. Die Frage ist, ob die Sperre mancher Websiten wie AI oder Falunggon wirklich die journalistische Arbeit bezüglich der Olympiade in Peking behindert.
    Ich wette, dass die meisten Journalisten gar nicht gestört oder gejuckt würden, wenn solche Websiten vor vier Jahren in Athen oder vor zwei Jahren in der BRD gesperrt gewesen wäre.
    Andererseits bietet die KPCh selbst Angrifffläche zur Zeit der olympischen Spiele. Von der Weltoffenheit und gar einer Pressfreiheit, auch wenn nur den westlichen Medien gegenüber, sind die Pekinger Machthaber um Lichtjahre entfernt.
    Insofern tun die lauten Proteste der ausländischen Journalisten und das Einschalten der Politiker gut für eine positive Entwicklung in China.

  5. Sicherlich suchen die westlichen Journatlisten nach einer Story vor und während der Olympiade in China. Tatsächlich haben die endlich eine gefunden, über die jetzt ausführlich diskutiert wird. Die Frage ist, ob die Sperre mancher Websiten wie AI oder Falunggon wirklich die journalistische Arbeit bezüglich der Olympiade in Peking behindert.
    Ich wette, dass die meisten Journalisten gar nicht gestört oder gejuckt würden, wenn solche Websiten vor vier Jahren in Athen oder vor zwei Jahren in der BRD gesperrt gewesen wäre.
    Andererseits bietet die KPCh selbst Angrifffläche zur Zeit der olympischen Spiele. Von der Weltoffenheit und gar einer Pressfreiheit, auch wenn nur den westlichen Medien gegenüber, sind die Pekinger Machthaber um Lichtjahre entfernt.
    Insofern tun die lauten Proteste der ausländischen Journalisten und das Einschalten der Politiker gut für eine positive Entwicklung in China.

    Antwort auf "Jeden Tag eine neue"
  6. und verweigert Einreise 3 Tage vor Begin der Olympiade weil der Mann ein Dafur-Aktivist ist.

  7. und verweigert Einreise 3 Tage vor Begin der Olympiade weil der Mann ein Dafur-Aktivist ist.

    • Rahab
    • 06.08.2008 um 15:04 Uhr

    nationalstaaten dürfen so was. und ich wüßte nun nicht, wo der unterschied zwischen us-olympioniken und afrikanernin nussschalen wäre...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Neu auf ZEIT ONLINE
    1. Krieg in Syrien Noch hat Assad Verbündete
    2. Israel-Besuch Gaucks gelungener Auftakt
    3. Nazi-Mordserie Haftbefehle gegen mutmaßliche NSU-Helfer aufgehoben
    4. Energiewende Wenn erneuerbare Energien stören
    5. Familienpolitik FDP deutet Ja zum Betreuungsgeld an
  • Neu im Ressort
    1. Anzeige
    2. Anzeige
    3. Zeit online sport auf twitter
    4. Anzeige
    Service