Mobile Literatur Spiderman im Netz

Wenn Comics auf dem Handy piepsen: Verlage suchen nach digitalen Vertriebsmöglichkeiten für ihre Superhelden. In Japan sind Webcomics schon ein Milliardenmarkt

Ein Webcomic-Fan in Japan

Ein Webcomic-Fan in Japan

Einmal den Blick nach innen kehren und sich erinnern: Das raue, bunte Papier an den Fingerkuppen spüren, den Geruch der Farbe atmen. Es erreicht vielleicht nicht ganz den Duft einer in Tee getauchten Madeleine, von dem Marcel Proust schwärmt - aber auch an unsere Micky Maus-Comics können wir uns noch recht sinnlich erinnern.

Die Kinder unserer Kinder wohlmöglich nicht mehr. Die amerikanischen Verlage verwandeln gerade die gezeichneten Kindheitshelden eifrig in Pixelwesen, die ihre Kämpfe im Netz austragen. Warner Bros. hat seine „Watchmen“ digitalisiert , die bekannte und mehrfach ausgezeichnete, gesellschaftskritische 80er Jahre-Comicserie von Alan Moore und seinem Zeichner Dave Gibbons. Marvel Entertainment schickt seinen „Spiderman“ ins Netz , von wo aus er auch Handys, Spielkonsolen und Ipods erobern soll. Und Stephen Kings Verlag Simon & Schuster verschickt die Kurzgeschichte „N.“ seines Starautoren seit Anfang August in 25 Comic-Episoden aufs Mobiltelefon, eine Folge pro Woche. Kostenlos kommt „N.“ nur deshalb aufs Handy, weil die Verlagswelt gerade erst begonnen hat darüber nachzudenken, wie man mit digitalen Comics Geld verdient.

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Der Traum wären japanische Verhältnisse: Der Umsatz mit dem Download von Comics hat sich hier im vergangenen Jahr auf über 200 Mio. $ fast verdoppelt. Er ist damit drei mal so groß wie der anderer elektronischer Publikationen. Der Anblick von Tokioter Geschäftsleuten, die auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn Mangas lesen, ist in Japan schon so alltäglich wie das Tragen von Aktentaschen. Und vier der größten Manga-Verlage Japans haben sich kürzlich zusammengeschlossen, um ihre Serien über Nintendos Wii zu verkaufen.

Die unterschiedlichen Vertriebswege befinden sich noch in der Erprobung. Marvel Entertainment setzt auf ein Abo-Modell: Für 60 $ im Jahr bekommt der Kunde Zugriff auf rund 4.000 Titel. Warner Bros. kooperiert unterdessen mit iTunes , der Playstation und Microsofts Xbox. Die erste „The Watchmen“-Episode gab es kostenlos im iTunes -Shop. Die folgenden 11 Episoden sind für je 1.99 $ zu haben.

Für die großen Verlage geht es nicht nur darum, zusätzliche Einnahmen durch die Mehrfachverwertung ihres Lizenz-Bestands mitzunehmen, nachdem ihre Helden bereits im Kino, auf Kaffeetassen, in Computerspielen und Vergnügungsparks Kasse gemacht haben. Der Topshelf Verlag aus Marietta/Georgia hat im Mai eine Seite für "Web comics" gestartet, die Arbeiten sowohl von Old-School-Größen als auch von Neulingen präsentiert. Seitdem hat sich der Traffic auf der verlagseigenen Webseite verdoppelt. Da freut sich die Marketingabteilung.

Doch nicht zuletzt macht den Verlagen die Zielgruppe Sorgen. „Comics im Netz zu präsentieren ist eine Möglichkeit, auch mit dem Publikum in Kontakt zu treten, das in späteren Jahren sozialisiert wurde," sagte Irika Slavin, die verantwortliche Programmleiterin, anlässlich einer Präsentation der neuen Warner Angebote. „Vielleicht wird diese Generation keine Comics mehr in der gedruckter Form kaufen.“

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