Familie Abschied vom sterbenden Vater

Die Fotografin Herlinde Koelbl hat Männer porträtiert und interviewt, die gerade ihre Väter verloren haben. Was Sie dabei über eine ganze Vater-Sohn-Generation erfahren hat, erzählt sie im Interview

ZEIT ONLINE: In Ihrem Projekt "Väter und Söhne" haben Sie drei Männer interviewt und fotografiert, die ihre Väter beim Sterben begleitet haben. Warum haben Sie gerade dieses Thema gewählt?

Herlinde Koelbl: Es war Zufall, vielleicht auch Fügung. Innerhalb kurzer Zeit erzählten mir zwei Männer aus meinem Bekanntenkreis, dass ihre Väter gerade gestorben seien und was für ein wichtiges, tief greifendes Erlebnis das für sie gewesen sei.

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ZEIT ONLINE: In Ihren Interviews zeichnen Sie nicht nur ein Bild dieser Söhne, sondern auch das einer bestimmten Väter-Generation.

Koelbl: Die Väter dieser Männer, die heute Anfang 40 sind, gehören noch zur Kriegsgeneration. Auch die Vater-Sohn-Verhältnisse stehen ganz grundsätzlich für diese Zeit. Die Väter, die jetzt sterben, haben gelernt, die Dinge in sich zu verschließen und nicht darüber zu sprechen.

ZEIT ONLINE: Diese Sprachlosigkeit wird von den Söhnen als großes Problem beschrieben.

Koelbl: In einem der Interviews erzählt der Sohn, wie er versucht hat, seinen Vater "aufzutauen". Er hat ihm gesagt: "Du bist mein Vater, ich liebe dich, und deswegen knutsche ich dich jetzt!" Es ist ganz typisch für die Kriegsgeneration, dass sie körperliche Nähe nur schwer zulassen konnte, weil sie ganz anders aufgewachsen ist. Weil sie ihre Zuneigung oder Liebe so schwer aussprechen konnten, haben sie sie oft in etwas anderes umgewandelt. In einem Fall zeigte zum Beispiel der Vater seinem Sohn seine Zuneigung, indem er sich um dessen Garten kümmerte.

ZEIT ONLINE: Man hat bei den Gesprächen das Gefühl, dass die Söhne oft erst im Abschiednehmen vom Vater lernen, ihre eigene Identität zu finden.

Koelbl: Auf jeden Fall ist ihnen die eigene Identität durch den Tod des Vaters bewusster geworden. Interessant ist, dass alle drei Söhne dachten, ihre Beziehung mit der Mutter sei enger als mit dem Vater. Und dann erkannten sie plötzlich, dass sie mit ihm viel emotionaler verbunden sind, als sie je gedacht haben. Ein ganz entscheidendes Moment in der Vater-Sohn-Beziehung ist das Gefühl, dass der Stab jetzt an sie, an die nächste Generation, abgegeben wird.

ZEIT ONLINE: Was wird sich in der neuen Väter-Generation verändern?

Koelbl: Die Männer, die jetzt Anfang 40 sind, werden andere Väter sein. Sie sprechen mehr mit ihren Kindern, sind ihnen zugewandter. Sie sind eher fähig, auch körperliche Zuneigung zu zeigen.

Leser-Kommentare
  1. 1. leider

    fehlt die fotostrecke. schade.

  2. sehr sensibel und sehr menschlich. Ich gehoere auch der Kriegsgeneration an, meine Kinder sind vierzig. Der Abschied von unseren Vaetern vor dreissig Jahren war noch schwieriger, denn diese Generation, um 1910 geboren, war noch verschlossener, noch strenger, noch distanzierter. Wir wollten es besser machen, es ist aber nur halbwegs gelungen. Hoffentlich machen es meine Kinder nun besser.

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