Solschenizyn Mutig wie damals wenige

In Alexander Solschenizyn verliert die Welt einen der größten und streitbarsten Chronisten des 20. Jahrhunderts. Ein Nachruf

Alexander Solschenizyn starb am 3. August in Moskau. Er wurde 89 Jahre alt

Alexander Solschenizyn starb am 3. August in Moskau. Er wurde 89 Jahre alt

Beidseitig, ohne Absatz, denn Papier war knapp – so schrieb Alexander Solschenizyn die kurze Erzählung Ein Tag im Leben des Ivan Denissowitsch. Die Geschichte eines Häftlings in einem eisigen Gefängnis. Mitleidslos schilderte Solschenizyn die Lebensumstände der Gefangenen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Er hatte es selbst erlebt. 1945 verhaftete ihn die sowjetische Spionageabwehr. In Briefen an seinen Schwager hatte er das Stalin-Regime kritisiert. Acht Jahre verbrachte Solschenizyn im sowjetischen Gulag, dann wurde er verbannt in die Ödnis Kasachstans. Der studierte Mathematiker arbeitete dort als Dorfschullehrer, bis zu seiner Rehabilitation 1957.  

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Das Manuskript seiner Haft-Erzählung schickte er an Lev Kopolew, das war 1962. Ihn hatte er im Straflager kennengelernt. Inzwischen regierte Nikita Chruschtschow in Moskau, es war eine kurze Zeit des Tauwetters nach dem Ende des Stalinismus, und Kopolew wusste: Diese Geschichte musste an die Öffentlichkeit. Und sie konnte es jetzt auch: In der Zeitung Novy Mir wurde sie abgedruckt. Der Chefredakteur verglich sie mit Tolstoi, andere mit Dostojewskis Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, einem Erfahrungsbericht aus Zeiten des Zars.

Sogar Chruschtschow las Ivan Denissowitsch und erlaubte die Veröffentlichung mit den Worten: „Es ist ein Stalinist in jedem von uns, sogar in mir. Wir müssen dieses Böse ausrotten.“ Als „literarisches Wunder“ wurde die Erzählung von Kritikern gefeiert, Novy Mir musste die Auflage erhöhen, jedes Exemplar wurde verkauft.

Nur wenige wussten damals, wie schrecklich und grausam es ihren Angehörigen in den stalinistischen Arbeitslagern erging.  Solschenizyn änderte das, und das bleibt sein größter Verdienst, dieses Menschheitsverbrechen aufgedeckt zu haben. Es begründete seinen Stellenwert in der Weltliteratur, als er – aufbauend auf seiner Erzählung – schließlich in seinem großen und gewaltigen Meisterwerk Archipel Gulag das sowjetische Lagersystem beschrieb.

Bald wurde Chrutschow gestürzt, und Solschenizyn wurde vom Aufklärer zum Staatsfeind. Leonid Breschnew war nun Parteichef, die gemäßigte Politik war Vergangenheit. Der KGB beschlagnahmte Solschenizyns Manuskripte, vom Schriftstellerverband der UdSSR wurde der Autor ausgeschlossen. Es sei ein Sakrileg, ihn mit Autoren wie Tolstoi zu vergleichen, empörten sich linientreue Kritiker.

Den Nobelpreis, der ihm 1970 verliehen wurde, wollte Solschenizyn nicht persönlich entgegennehmen. Er fürchtete, nicht mehr in die UdSSR zurückkehren zu dürfen. Vier Jahre später wurde er ausgewiesen – der Geheimdienst hatte Teile des Manuskripts von Archipel Gulag entdeckt. Das Werk erschien im selben Jahr in vielen westlichen Ländern.

Solschenizyn lebte danach zunächst in Deutschland, wo ihn Heinrich Böll in seinem Haus in Köln aufnahm, dann in den USA im Bundesstaat Vermont und in der Schweiz.

Im Exil blieb er seine russichen Heimat geistig treu. Er hat sich immer als Patrioten gesehen – trotz aller scharfen Kritik an den Verhältnissen in der Sowjetunion. Sein Buch Zwischen den Mühlsteinen zeigt seine Ambivalenz, seine Zerrissenheit.

In seinem Exil wurde er nie glücklich, die Mentalitäten der Länder, in denen er lebte, blieben ihm fremd. Die 18 Jahre in Vermont verbrachte er einsam. Er kritisierte die amerikanische Politik in Universitätsreden, viele Kritiker beschrieben den verschrobenen Mann mit dem alttestamentarischen Bart als slawophil, als einen reaktionären Nationalisten, undemokratisch und autoritär.

So schrieb die Weggefährtin Olga Carlisle, Solschenizyns Überzeugungen seien verwurzelt im russischen Geist, ohne demokratische Tradition. Damals hatte sie ihm bei der Verbreitung seines Archipel Gulag geholfen, inzwischen hatte sie sich aber von ihm abgewendet.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verließ Solschenizyn die USA und kehrte 1994 nach Russland zurück. Nach Magadan, dorthin, wo ehedem das Herz des Gulags gewesen war.

Die Zeit der Perestroika unter Gorbatschow betrachtete er ebenso kritisch wie dessen Nachfolger Boris Jelzin. Beide verträten nicht die Interessen der ethnischen Russen. Es sei ein oligarchisches System, regiert von wenigen, sagte er im russischen Parlament 1994.

Einigen Russen erschien Solschenizyn nach seiner Rückkehr als der beste Kandidat für das Amt des Präsidenten. Aber ein politisches Amt hatte er nie gewollt. Er blieb ein Kritiker der russischer Politik, an fast allem hatte er etwas auszusetzen. Politische Freunde hatte er kaum noch: Die Nationalisten waren von ihm enttäuscht, die Demokraten beleidigt, die Kommunisten konnten ihn noch nie leiden.

Seine Standpunkte waren unklar, er erschien in Russland wie ein Relikt vergangener Zeit. Bloß für Wladimir Putin fand er bald lobende Worte. Der versuche immerhin den Wiederaufbau der alten russischen Macht. Von Putin erhielt er auch den russischen Staatspreis, den er bis dahin aus Prinzip abgelehnt hatte. Schon Gorbatschow und Jelzin hatten ihn auszeichnen und damit vereinnahmen wollen. Doch er blieb unbequemer Geist.

Nach der Jahrtausendwende veröffentlichte er dann Zweihundert Jahre zusammen, eine Geschichte russischen und jüdischen Zusammenlebens. Viele Kritiker hatten bis dahin bemängelt, diese Beziehung komme in seinen Werken nie zur Sprache. Das Buch wurde jedoch überwiegend verrissen. Es sei antisemitisch, es verharmlose die Pogrome und nehme die Probleme osteuropäischer Juden nicht ernst.

Trotz dieser Schatten, trotz seines Verhaftetseins im alten, undemokratischen, nationalistischen Russland, verliert die literarische Welt in Solschenizyn, der am Sonntag mit 89 Jahren in Moskau starb, einen ihrer wichtigsten Chronisten und Aufklärer. Wir verdanken ihm das Protokoll einer grausamen Zeit, das er trotz des eisernen Griffs des Moskauer Regimes veröffentlichte. Mutig wie er waren damals wenige. Seine Werke über die Stalin-Ära zeugen von der moralischen, prophetischen Tradition, die in der russischen Literatur verbreitet war – und heute noch ist.

 
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