Solschenizyn Mutig wie damals wenigeSeite 3/3

Die Zeit der Perestroika unter Gorbatschow betrachtete er ebenso kritisch wie dessen Nachfolger Boris Jelzin. Beide verträten nicht die Interessen der ethnischen Russen. Es sei ein oligarchisches System, regiert von wenigen, sagte er im russischen Parlament 1994.

Einigen Russen erschien Solschenizyn nach seiner Rückkehr als der beste Kandidat für das Amt des Präsidenten. Aber ein politisches Amt hatte er nie gewollt. Er blieb ein Kritiker der russischer Politik, an fast allem hatte er etwas auszusetzen. Politische Freunde hatte er kaum noch: Die Nationalisten waren von ihm enttäuscht, die Demokraten beleidigt, die Kommunisten konnten ihn noch nie leiden.

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Seine Standpunkte waren unklar, er erschien in Russland wie ein Relikt vergangener Zeit. Bloß für Wladimir Putin fand er bald lobende Worte. Der versuche immerhin den Wiederaufbau der alten russischen Macht. Von Putin erhielt er auch den russischen Staatspreis, den er bis dahin aus Prinzip abgelehnt hatte. Schon Gorbatschow und Jelzin hatten ihn auszeichnen und damit vereinnahmen wollen. Doch er blieb unbequemer Geist.

Nach der Jahrtausendwende veröffentlichte er dann Zweihundert Jahre zusammen, eine Geschichte russischen und jüdischen Zusammenlebens. Viele Kritiker hatten bis dahin bemängelt, diese Beziehung komme in seinen Werken nie zur Sprache. Das Buch wurde jedoch überwiegend verrissen. Es sei antisemitisch, es verharmlose die Pogrome und nehme die Probleme osteuropäischer Juden nicht ernst.

Trotz dieser Schatten, trotz seines Verhaftetseins im alten, undemokratischen, nationalistischen Russland, verliert die literarische Welt in Solschenizyn, der am Sonntag mit 89 Jahren in Moskau starb, einen ihrer wichtigsten Chronisten und Aufklärer. Wir verdanken ihm das Protokoll einer grausamen Zeit, das er trotz des eisernen Griffs des Moskauer Regimes veröffentlichte. Mutig wie er waren damals wenige. Seine Werke über die Stalin-Ära zeugen von der moralischen, prophetischen Tradition, die in der russischen Literatur verbreitet war – und heute noch ist.

 
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