Blogger in Peking Stille Sportler, twitternde Touristen
Die Olympioniken dürfen in Peking Internet-Tagebücher führen, aber nur unter strengen Regeln. Dennoch gelangten Bilder des ersten Anti-China-Protests ins Netz

© China Photos/Getty Images
Wer während der Olympischen Spiele nach kritischen Sportlerblogs aus Peking sucht, dürfte enttäuscht werden. Neue Techniken könnten allerdings inoffizielle Berichterstatter ins Rampenlicht katapultieren
Bloggen als freie, unkomplizierte Meinungsäußerung übers Internet? Nicht für die Teilnehmer der Olympischen Spiele in Peking: Bevor sie sich an die Tastatur setzen, müssen sie erst einen Blick in die "Blogging Guidelines" des Internationalen Olympischen Komitees werfen.
Sie erlauben den Athleten zwar, ein Weblog zu führen, doch dessen Inhalte dürfen keine "Form von Journalismus" darstellen. Interviews mit anderen akkreditierten Personen oder Berichterstattung über die Olympioniken sind damit ebenso tabu wie private Foto- oder Videoaufnahmen aus dem olympischen Dorf und von den Wettkämpfen. Das ist allerdings keine chinesische Zensur, sondern sogar eine Lockerung der IOC-Regeln. Bei den vorherigen Spielen nämlich hatte das Komitee Bloggen als journalistische Arbeit interpretiert und es deshalb verboten.
Mehrere deutsche Athleten berichten während der Spiele aus Peking, so zum Beispiel die Seglerin Petra Niemann, die moderne Fünfkämpferin Lena Schöneborn, der Kanute Jan Benzien oder die Beachvolleyballerinnen Sara Goller und Laura Ludwig. Der Diskuswerfer Robert Harting schreibt zurzeit über seine Vorbereitungen in Japan. Aus Peking wird er wegen der verhängten Einschränkungen wahrscheinlich nicht berichten. Harting kündigt seinen Fans auf seiner Homepage an: "Bis zum 13. kann ich Euch alle News geben, danach geht’s nicht mehr." Auch Tischtennisspieler Timo Boll lässt sein Blog während der Olympischen Spiele ruhen. Auf seiner Homepage finden sich auch Sponsoren, die nicht zu den offiziellen Olympiapartnern gehören. Das ist ebenso verboten wie die Verwendung des offiziellen Olympia-Logos. Die Marathonläuferin Susanne Hahn geht auf Nummer sicher und überlässt das Berichten ihrem Ehemann und Trainer Frank. Auf seiner Seite erläutert dieser, dass er nicht akkreditiert sei und damit nicht den Blog-Regeln des IOC unterliege.
Wer als Olympionike ein Internet-Tagebuch führt und gegen die IOC-Verordnung verstößt, muss neben dem Verlust der Akkreditierung auch mit Schadensersatzansprüchen rechnen. Viele der internationalen Athleten, die oft für Medien ihres Landes wie die USA Today oder den kanadischen Sender CBC bloggen, melden sich deshalb mit meist recht banalen Einträgen zu Wort, die sich um das Trainingswetter oder den ersten Shopping-Ausflug in Peking drehen.
Journalisten haben etwas mehr Spielraum, klammern politische Themen bislang allerdings weitestgehend aus: Während BBC und New York Times ihre Reporter durch Peking jagen, damit sie über die Luftqualität bloggen, schickt die Deutsche Welle einen interkulturellen Berater und den Sportbeauftragten der katholischen Kirche los, damit diese ihre Beobachtungen aus dem olympischen Alltag schildern.
Der deutsche Sportjournalist Jens Weinreich hingegen nimmt kein Blatt vor den Mund: Wenn er nicht für verschiedene Medien aus Peking berichtet, füllt er in freien Minuten sein Blog mit Berichten aus dem alltäglichen Olympia-Wahnsinn. Er garniert sie gerne auch mit sportpolitischen Hintergründen und kritischen Kommentaren zum Verhalten der IOC-Granden. Weinreich hatte als einer der Ersten kritisch über Falschmeldungen des Sport-Informationsdienstes berichtet, wegen der die Nachrichtenagentur schließlich ihren leitenden IOC-Berichterstatter austauschte.
Aus der chinesischen Blogosphäre dringt bislang keine Kritik an den Spielen nach außen, ob aus Patriotismus oder Respekt vor den Restriktionen. In der Ostasien-Spalte des internationalen Blognetzwerks Global Voices Online beispielsweise spielt Olympia bislang eine untergeordnete Rolle.
Weil Weblogs leicht zu überwachen sind, könnten andere Plattformen in den nächsten Wochen an Bedeutung für die inoffizielle Berichterstattung gewinnen. Einen Vorgeschmack lieferte am Mittwoch der amerikanische Bürgerjournalist Noel Hidalgo: Als er Augenzeuge von Protesten ausländischer Tibet-Aktivisten in Peking wurde, zückte er schnell sein Mobiltelefon und schickte mit seiner Handy-Kamera einen Livebericht über den Videodienst Qik ins Netz. Gleichzeitig berichtete er über den Microbloggingdienst Twitter von der Aktion und seiner anschließenden Flucht: "Jetzt werde ich von einer kleinen alten Frau verfolgt, die den letzten Taxi-Fahrer aufgefordert hat, mich rauszuwerfen", ließ er Internetnutzer rund um die Welt via Kurzbotschaft wissen, "Zu Fuß weiter, sehe mich nach weiteren Verfolgern um."
- Datum 14.10.2008 - 18:34 Uhr
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- Serie Olympia
- Quelle ZEIT ONLINE
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