Olympia-Boykott Menschen zweiter Klasse

Schwarze Athleten sollten bei den Spielen 1968 für die USA Höchstleistungen bringen, obwohl sie in den Vereinigten Staaten benachteiligt wurden. Eine Chronik des Boykotts

1968 waren die Spiele, von denen das berühmte Foto der Siegerehrung des 200-Meter-Laufs im Gedächtnis blieb: Tommie Smith und John Carlos streckten die Faust in den Himmel, sie neigten den Kopf nach unten. Das Symbol des Widerstands.

Lew Alcindors war nicht dabei. Sein Olympiaboykott ist beinahe so unbekannt wie sein Name. Seit seinem Übertritt zum Islam 1971 nennt er sich Kareem Abdul-Jabbar. Mit diesem Namen wurde er zu einem der größten Basketballer aller Zeiten. Als Lew Alcindors verzichtete der spätere NBA-Star auf seinen Olympia-Start bei den Spielen 1968 in Mexiko. Der Boykott von Alcindors und anderen gehört zur großen Protestgeschichte des Sports.

Schon im Sommer 1967 hatten viele schwarze Sportler des US-Teams begonnen, über die Olympischen Spiele in Mexiko zu diskutieren. Der damals 20-jährige Lew Alcindor war College-Student und gehörte zur US-Basketballauswahl, die vor allem aus Schwarzen bestand. Die Idee, dass die schwarzen Sportler durch einen Boykott ihre Macht demonstrieren sollten, kam von Harry Edwards, einem jungen Sportsoziologen, der mitreißende Reden hielt. „Wie Tiere werden wir benutzt, denen man gerade mal eine kleine Extraportion Hundefutter gibt“, sagte Edwards. Und er fragte, ob die Olympischen Spiele „nicht ein exzellenter Zeitpunkt“ seien, solche Zumutungen endgültig zurückzuweisen.

Er war ein exzellenter Zeitpunkt. 68er gab es schließlich überall. Edwards nannte die Boykottbewegung der Sportler das „Olympic Project for Human Rights“. Der 400-Meter-Weltrekordler Lee Evans schloss sich sofort an, ebenso die Sprinter Tommie Smith und John Carlos, und auch große Teile der US-Basketballmannschaft. Bald bekundete auch Martin Luther King, die große Leitfigur der Bürgerrechtsbewegung, seine Sympathie für das Projekt.

Die Sportler hatten drei Forderungen. Erstens: Rückgabe des WM-Titels an Muhammad Ali, dem wegen seiner Wehrdienstverweigerung Titel und Boxlizenz entzogen worden waren. Zweitens: Entfernung des IOC-Präsidenten Avery Brundage, dem die Studenten Rassismus und Antisemitismus vorwarfen und den sie „Slavery Avery“ nannten. Drittens: Ausschluss Südafrikas und Rhodesiens von den Olympischen Spielen und von US-Sport-Veranstaltungen.

Vom IOC-Präsidenten Brundage, dem früheren Chef des Olympischen Komitees der USA, war der Ausspruch überliefert, über die Judendiskriminierung in Deutschland solle man sich nicht so ereifern, in seinen Klub in Chikago ließe man schließlich auch keine Juden hinein. Später erklärte Brundage, er habe schon 1936 gegen den Ausschluss von Juden gekämpft, also jetzt auch gegen den Ausschluss Südafrikas. Außerdem würde schwarze Sportler ohnehin niemand vermissen, wenn sie fehlten.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Neu auf ZEIT ONLINE
      1. Schuldenkrise Euro-Gruppe sagt Griechenland-Treffen ab
      2. Aufstand in Syrien Die Angst vor den Jägern Assads
      3. Acta Ein Nein des EU-Parlaments reicht nicht aus
      4. Champions League Der FC Barcelona ist zu stark für Leverkusen
      5. Martin-Gropius-Bau Die verkaufte Olympia-Ausstellung
    • Neu im Ressort
      1. Anzeige
      2. Anzeige
      3. Zeit online sport auf twitter
      4. Anzeige
      Service