Wurzen feiert Ringelnatz. Unübersehbar prangt der Dichterkopf als Schattenriss an einer Fabrikruine – als wollte er die Autofahrer von der Umgehungsstraße locken. Warum aber sollte es jemanden hierher in die sächsische Provinz verschlagen! "Wurzen!?!?! ach du liebe Zeit, mein Wurzen", schrieb doch schon Ringelnatz selbst über seine Geburtsstadt, die in den vergangenen Jahren öfter als Nazi-Hochburg denn als Dichterstadt in den Schlagzeilen war.

Eine Holzplakette an der Fassade des Wurzener Hauses Crostigall Nummer 14 erinnert daran: Hans Bötticher, der spätere Joachim Ringelnatz, erblickte hier am 7.8.1883 als jüngstes von drei Kindern das Licht der Welt. Der berühmteste Sohn der Stadt konnte sich allerdings später an das schmucke 18.000-Seelen-Städtchen vor den Toren Leipzigs kaum erinnern. Er verbrachte nur die ersten vier Lebensjahre hier. Leipzig, Hamburg, München und Berlin hießen die Ankerstellen auf seinem Schlingerkurs durchs Leben. Vom blondgelockten Schüler im Samtkleidchen bis zum gefeierten Kabarettisten im Matrosenanzug war es eine abenteuerliche Odyssee.

Einfach hat er es sich, der in den zwanziger Jahren als Kuttel Daddeldu und mit ironischen "Turngedichten" berühmt wurde, nie gemacht. Für eine bürgerliche Existenz schien er nicht geschaffen, für Streiche und Schabernack dagegen um so mehr. Als Schüler wird er "als Schulrüpel ersten Ranges" vom Leipziger Gymnasium geworfen, als Schiffsjunge will der schmächtige Jungspund gleich wieder desertieren. Dann bleibt er doch vier Jahre auf See und sammelt Stoff für seine Balladen.

"Überall ist Wunderland
Überall ist Leben
Bei meiner Tante im Strumpfenband
wie irgendwo daneben."

Wieder an Land versucht er, fehlende Bildung mit Lehrgängen auszugleichen, doch noch lieber studiert er das Leben. In mehr als 30 Nebenjobs probiert er sich mal als Schlangenträger in einer Hamburger Jahrmarktsbude, mal als Bibliothekar in Riga. Man sieht ihn als Buchalter in München oder Fremdenführer auf Burg Lauenstein. Die Kaufmannslehre hängt er an den Nagel, als spleeniger Tabakladenbesitzer scheitert er genauso wie als Dekorateur oder Gartenbauschüler. "Ich bin etwas schief ins Leben gebaut", sind die anrührendsten Worte, die auf sein Vagabundenwesen passen, dessen einzige Konstanten die ewige Geldnot und das Dichten und Malen sind.

Die Leidenschaft fürs Schreiben wurde früh geweckt. 20 Mark erhält er als Junge für die ersten veröffentlichten Verse. Für zwei Schoppen Wein als Gage sagt er 1909 in der Schwabinger Künstlerkneipe Simplicissimus abendlich seine Reime auf. Im Dunstkreis von Frank Wedekind und Erich Mühsam hält der zum Hausdichter ernannte trinkfreudige Verseschmied Einzug in die Münchner Boheme.