ZEIT ONLINE: Wer eine Paartherapie macht, lässt sich danach ohnehin scheiden – was halten Sie von diesem Vorurteil?

Wolfgang Schmidbauer: Das sehe ich nicht so. Es ist wichtig, dass eine Paartherapie keine Dauereinrichtung wird. Sonst besteht die Gefahr, dass sich das Paar nur so dahinschleppt und sich weder trennen noch wieder miteinander verbinden kann. Deshalb beschränke ich Paartherapien meist auf zehn Sitzungen.

ZEIT ONLINE: Was ist für Sie als Therapeut das Ziel?

Schmidbauer: Die Selbstregulierungskräfte des Paars wieder zu beleben und zu stärken. Wenn das gelingt, kann das Paar eine Entscheidung treffen. Entweder bringen beide die Kraft dazu auf, ihre Beziehung gemeinsam zu verbessern oder sich zu trennen. Für welchen Weg sie sich entscheiden, ist allein ihre Entscheidung, nicht die des Therapeuten.

ZEIT ONLINE: Wie bringt man es dem Partner am besten bei, dass man mit ihm zum Therapeuten gehen will? Das kann ziemlich verletzend sein.

Schmidbauer: Ganz ohne Kränkung geht es nicht. Man sagt dem Partner immerhin etwas Negatives: Unsere Beziehung ist gestört. Auf der anderen Seite vermittelt man ihm aber auch: Ich gebe unserer Beziehung noch eine Chance und will etwas tun.

ZEIT ONLINE: Sind es vor allem Frauen, die den Anstoß zu einer Paartherapie geben?

Schmidbauer: Ja. Frauen fällt es leichter, Hilfe zu suchen und anzunehmen. Im Alltag hat eine Frau auch kein Problem damit, einen Passanten nach dem Weg zu fragen, während Männer lieber verbissen den Stadtplan studieren. Viele Männer empfinden den Vorschlag, zur Therapie zu gehen, als Kränkung, weil sie fürchten, entwertet oder entmachtet zu werden.

ZEIT ONLINE: Sie arbeiten seit über 30 Jahren als Therapeut. Haben sich durch die Veränderung der Rollenbilder von Mann und Frau auch die Beziehungsprobleme verändert?

Schmidbauer: Die Probleme sind ähnlich geblieben. Menschen fühlen sich nicht genug geliebt und anerkannt, nicht gut genug behandelt, von Untreue bedroht. Aber der Anspruch an den Partner ist gestiegen. Früher war es traditionell vorgeschrieben, wie ein "guter Mann" oder eine "gute Frau" zu sein hatte. Durch die Achtundsechziger haben sich diese Vorstellungen nach und nach aufgelöst. Heute definieren sich die Partner in der Beziehung nicht mehr so sehr über die Rollen von Mann und Frau, sondern vor allem als Individuen. Man versucht, vom anderen zu profitieren, um sein eigenes Selbstwertgefühl zu verbessern und sich vollständiger zu fühlen.

ZEIT ONLINE: Mit welchen Problemen kommen die Paare am häufigsten zu Ihnen?

Schmidbauer: Wenn das Prinzip des Gebens und Nehmens gestört ist und der Austausch nicht mehr funktioniert. Sie sagt etwa: Wenn du mehr mit mir reden würdest, hätte ich auch mehr Lust auf Sex. Er hingegen sagt: Wenn du mehr Lust auf Sex hättest, würde ich auch mehr mit dir reden.
Oder es geht um vergangene Verletzungen: Der Mann hat seine Frau angeschrien oder geschubst und sie kann diesen Akt der Gewalt nicht vergessen. Oder die Frau hat ihrem Mann gestanden, dass sie fremdgegangen ist und er wirft ihr den Betrug vor. Je mehr ein Partner dem anderen vorhält, wie schlimm er ist und wie wenig er für die Beziehung tut, desto ärmer wird die Beziehung. Der oder die "Angeklagte" fühlt sich abgelehnt und wird immer geiziger und gereizter.