Aus einem eingefrorenen Konflikt im Kaukasus ist ein Krieg zwischen souveränen Staaten geworden. Dies ist keineswegs das erste Mal. Auch zwischen Armenien und Aserbaidschan war es zwischen 1992 und 1994 um die Region Berg-Karabach zum Krieg gekommen, den Armenien gewann. Seitdem hält Armenien einen Teil des Territoriums von Aserbajdschan besetzt.

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Russland Krieg gegen ihren Nachbarn Georgien führt. Russland nutzt die verschiedenen Konflikte im Kaukasus für seine Großmachtpolitik. Es hat die beiden abtrünnigen Provinzen Georgiens, Südossetien und Abchasien, massiv unterstützt und kein Interesse an einer echten Konfliktlösung gehabt. In der Aufrechterhaltung dieser beiden Konflikte – wie auch in Berg-Karabach – sieht Russland ein willkommenes Instrument, um die georgische und aserbajdschanische Souveränität zu schwächen und so seinen Einfluss in der Region zu stärken.

Das Neue ist nun, dass die Großmacht

Hinzu kommt, dass die russischen Eliten ihren Schmerz über die Auflösung der Sowjetunion und die Zurückdrängung Russlands noch lange nicht überwunden haben.

Ganz im Gegenteil möchte Russland, gestärkt durch die hohen Öl- und Gaspreise und den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes, seine frühere Macht im Südkaukasus und in Zentralasien wiederherstellen. Zumindest aber möchte es eine weitere Ostausdehnung der Nato und einen russischen Einflussverlust in der Region verhindern.

Russlands neue Macht beruht nicht nur auf seinen eigenen Öl- und Erdgasvorkommen, sondern auch ganz entscheidend auf der strategischen Kontrolle der Transportwege, auf denen die Öl- und Gasvorkommen des Kaukasus und Zentralasiens in den Westen gelangen. Hier kommt Georgien eine besondere Bedeutung zu.

Der Weg nach Süden ist durch die Krisen in Iran, Afghanistan und Pakistan verschlossen. Der einzige Transportweg, der aber nicht von Russland kontrolliert wird, führt von Aserbajdschan über Georgien zu den türkischen Häfen. Und genau das macht die zweite Dimension dieses russisch-georgischen Krieges aus: Es geht hier um eine russisch-amerikanische Konkurrenz um die strategische Kontrolle der Öl- und Gasressourcen dieser weiten Region – the new great game .

Zudem wird Russland heute – anders als noch in den neunziger Jahren - überall gebraucht: In Iran, dem Nahen Osten, in Afghanistan, bei der Rüstungskontrolle, der Energieversorgung und in der Klimapolitik. Die USA können diese Herausforderungen nicht mehr allein angehen, und Europa hat sich selbst geschwächt. Auch diese Tatsachen machen Russlands neue Stärke aus.

Was hat nun angesichts dieser internationalen Interessenlage und der militärischen Kräfteverhältnisse den georgischen Staatspräsidenten Michael Saakaschwili dazu veranlasst, auf eine militärische Lösung zu setzen, die er nur verlieren konnte?

Es bietet sich – wenn überhaupt – nur eine einzige rationale Erklärung an, nämlich noch während der Amtszeit von Präsident Bush auf eine Internationalisierung des Konflikts zu setzen – kleines Land wird von großem Nachbar attackiert –, und so die USA hineinzuziehen, um eine Lösung zugunsten Georgiens zu erzwingen. Dies allerdings wäre die "Rationalität" eines politischen Hasardeurs. Denn eine direkte Konfrontation zwischen Russland und den USA um Südossetien wäre ein unverantwortliches Albtraumszenario, das es hoffentlich niemals geben wird!

Angela Merkel und Nicolas Sarkozy werden sich insgeheim beglückwünschen, dass sie den Plänen für eine Erweiterung der Nato um Georgien und die Ukraine im vergangenen April in Bukarest als "zu verfrüht" widersprochen zu haben.

Der Westen kann einerseits Saakaschwilis Politik nicht unterstützen, andererseits kann er auch Russlands Großmachtpolitik gegen dessen kleinere Nachbarn nicht akzeptieren. Diese nur scheinbar widersprechenden Positionen lassen sich zusammenführen, wenn die USA und Europa kurzfristig auf ein Schweigen der Waffen und ein erneutes Einfrieren des Konflikts setzen.

Dann aber wird die grundsätzliche Frage beantwortet werden müssen, wie die amerikanisch und europäisch-russischen Beziehungen tatsächlich gestaltet werden sollen: Gehört Russland zum Westen? Wenn ja, welche Rolle soll und wird es darin spielen? Was heißt dies für die Zukunft der Nato-Erweiterung? Was für die europäische Sicherheit? Oder läuft alles auf einen neuen Kalten Krieg hinaus?

Es wird keine kurzfristigen und schon gar nicht einfachen Lösungen für die Konflikte mit Russland geben. Der Westen kann die legitimen Interessen Georgiens nicht ignorieren und auch nicht diejenigen der Ukraine. Aber er muss auch seinen eigenen und den legitimen Interessen Russlands Rechnung tragen.

Nur wenn es gelingt, die Beziehungen mit Russland zu einer echten Partnerschaft fortzuentwickeln, die sich aus den Fesseln der traditionellen Großmachtpolitik löst und auf gemeinsamen Prinzipien gründet, werden sich diese regionalen Konflikte vielleicht eines Tages politisch regeln lassen. Bis dahin aber ist Misstrauen gegenüber Moskaus Absichten mehr als berechtigt, vor allem in Europa.

Saakaschwilis katastrophale Politik könnte einer russischen Großmachtpolitik gegenüber Europa eine neue, gefährliche Dynamik verleihen. Die Zukunft der Ukraine wird dabei im Mittelpunkt stehen. Europa sollte sich besser entschlossen - und vor allem geschlossen - auf härtere Zeiten vorbereiten.