Krieg im Kaukasus Wird es noch schlimmer?
Georgiens Präsident Michail Saakaschwili hat Moskau die Waffenruhe angeboten. Die Kämpfe gehen trotzdem weiter. Abchasien hat das Kriegsrecht verhängt

© DIMITAR DILKOFF/AFP/Getty Images
Ein russischer Militärhubschrauber fliegt über eine Verbindungsstraße
Nach dreitägigem Blutvergießen mit tausenden Toten, großen Zerstörungen in Südossetien und mit Blick auf die Übermacht des Riesenreichs Russland bot Georgiens Präsident Michail Saakaschwili am Sonntagabend Moskau die Waffenruhe an. «Wir sind Opfer», sagte Saakaschwili. Wegen der Verhandlungsbereitschaft der Georgier gab es erste Signale einer Entspannung. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy soll in dem Territorialstreit als EU- Ratspräsident nun vermitteln. Doch der Krieg war damit nicht beendet.
«Die Angst, dass es noch schlimmer wird, ist überall spürbar», sagte die Georgierin Rusudan Tabukaschwili in der Hauptstadt Tiflis, wo 1,1 Millionen Menschen leben. Der Krieg im Norden Georgiens in der kleinen Bergregion Südossetien, um die Moskau und Tiflis streiten, hat sich über die Grenzen der abtrünnigen Konfliktregion ausgeweitet. Die ebenfalls von Georgien abtrünnige Region Abchasien verhängte am Sonntag das Kriegsrecht.
Beobachter sahen weiter die Gefahr, dass es zu einem Flächenbrand im Kaukasus mit seinen vielen Konfliktherden kommt. Der blutige Militärkonflikt hat sich drei Tage nach seinem Beginn zu einer humanitären Katastrophe mit vielen Toten und Verletzten sowie zehntausenden Flüchtlingen ausgeweitet.
Erst hatte Georgien am Freitag eine große Militäroffensive gestartet, nun schlug Russland am Wochenende mit vielfacher Härte zurück. Das Ergebnis waren zerbombte Häuser in Südossetien und Georgien, zerstörte Straßen, Schienen und Telefonnetze. Das russische Staatsfernsehen zeigte bei getragener Musik Bilder voller Verzweiflung, Blut und Schmerz. Das erinnerte die Zuschauer an die Tschetschenien-Feldzüge Russlands in den 1990ern.
Nach diesem lange zurückliegenden Krieg im Nordkaukasus passten diese neuen Bilder so gar nicht zur aktuellen Selbstdarstellung Russlands. Das Riesenreich hat sich dank steigender Rohstoffpreise zu einem reichen und selbstbewussten Land entwickelt, das stolz auf seine Erfolge ist. Russland versuchte zuletzt, sich international als Garant des Friedens darzustellen. Ein Beispiel dafür sind die umstrittenen US-Raketenabwehrpläne in Mitteleuropa, von denen sich Moskau bedroht sieht und zu größeren Rüstungsanstrengungen gedrängt fühlt.
Russland und Georgien haben sich zwar immer wieder besonders wegen ihrer räumlichen Nähe Partnerschaft geschworen. Doch gerade deswegen reagiert Moskau seit langem verärgert auf das Streben von Georgiens prowestlichen Präsidenten Michail Saakaschwili in die NATO. Weil die Ukraine zusammen mit Georgien in die EU und NATO will, fürchtet Russland den Wegbruch alter Allianzen aus den Sowjetzeiten. Moskau warnte immer wieder vor solchen Tendenzen.
Russland stellte seine Angriffe als Friedensmission dar, um einen «Genozid» am südossetischen Volk zu verhindern. Ähnlich wie die NATO mit ihren Angriffen gegen Serbien 1999 will Moskau nach eigenen Angaben eine humanitäre Katastrophe verhindern. Auch Erinnerungen an den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979 im Dezember wurden wach. Aber viele Experten waren ratlos, warum das berüchtigte Pulverfass Kaukasus ausgerechnet jetzt explodierte.
Die Lage eskalierte zu einem Zeitpunkt, da der oft als Scharfmacher kritisierte russische Regierungschef Wladimir Putin bei den Olympischen Spielen in Peking weilte und der kriegsunerfahrene und junge Kremlchef Dmitri Medwedew im Urlaub war. Zynisch titelte die Boulevardzeitung «Moskowski Komsomolez» auf ihrer ersten Seite «Olympisches Feuer» mit einem formatfüllenden Bild fliegender Raketen. Das Blatt kritisierte auch Medwedews «zögerliche Handlungen».
Nicht der neue Kremlchef, sondern sein Ziehvater Putin eilte nach Wladikawkas, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Nordossetien, um mit Flüchtlingen und Verletzten zu reden. Er nutzte die Bilder, um international vor einer NATO-Mitgliedschaft Georgiens zu warnen: Die Regierung in Tiflis werde nur die NATO-Länder in ihre «blutigen Abenteuer» hineinziehen.
Georgien bat den Westen bereits um Schutz vor den «russischen Eroberern», die Südossetien und Abchasien mit «brutalsten Mitteln» annektieren wollten. Russische Soldaten brachten die südossetische Hauptstadt Zchinwali am Sonntag unter ihre Kontrolle. Aber die Opferzahlen stiegen unaufhaltsam, allein in Zchinwali wurde sie mit 2000 Toten angegeben und mit tausenden Verletzten.
Nicht nur Zchinwali war zerstört, auch 15 georgische Städte, unter ihnen die wichtige Hafenstadt Poti, wurden schwer getroffen. In Gori starben bei russischen Bombenangriffen Dutzende Menschen. Verzweifelt meldete das mit Unterstützung der USA in den vergangenen Jahren stark aufgerüstete Georgien den Abschuss russischer Kampfflugzeuge. Doch schon am Sonntagabend musste Tiflis einräumen, dass Russlands Hundertschaften, Panzer, Raketen und Kampfbomber in Georgien bereits jetzt so stark seien, um selbst einen zehnmal größeren Staat in die Knie zu zwingen. Saakaschwili verabschiedete sich am Sonntag auch von der Hoffnung auf einen schnellen NATO-Beitritt.
Ulf Mauder, dpa
- Datum 15.08.2008 - 18:50 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, dpa
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