MusikbuchKönig der Kaputtheit

Iggy Pop hat das Scheitern zur Kunst erklärt. Aber wer dieser wütende, fettfreie, durchgeknallte Rocker wirklich ist, kann auch Paul Trynkas neue Biografie nicht ganz ergründen. Eine Rezension von Frank Schäfer

Es gibt eine frappante Anekdote in dieser mit weniger frappanten Anekdoten gestopften, opulenten Biografie, die gar nicht recht zu Iggy Pops fettfreier Physiognomie passen will. Paul Trynka referiert da eine Geschichte von Cub Koda, einem Musiker aus Los Angeles. Im Jahr 1969 verfolgt Cub gebannt, wie Iggy sich während eines aus dem Ruder laufenden Konzerts waidwund, blutend, von allen gängigen Drogen um den Verstand gebracht herumwälzt, wie er sich schließlich "aufrichtet und mitten auf die Bühne kotzt". Cub bemerkt Muddy Waters, der als Headliner des Festivals verpflichtet worden ist. "Muddy schaut sich das Treiben ein paar Sekunden lang mit einer Mischung aus Faszination und Ekel an, deutet dann in Richtung der Musiker und brüllt über das Feedback hinweg: ‚Gefällt mir überhaupt nicht. Die Typen sollten zusehen, dass sie ihr Ding auf die Reihe kriegen!‘ ‚Muddy!‘, erwidert Cub lachend. ‚Das ist ihr Ding!‘"

Wenn die existenzialistische Definition von Punk als Artistik des totalen Scheiterns tatsächlich zutrifft, dann auf die prototypischen, das Genre um eine Dekade antizipierenden Stooges, Iggys Band. Nicht nur ihre drei kanonischen Alben und ihre Auftritte waren von einer exemplarischen Kaputtheit. Auch ihre Eigenart, jede neue Karrierechance mit dieser unwiderstehlichen Mischung aus jugendlicher Fahrlässigkeit, Provinzdeppentum und drogeninduziertem Irrwitz an die Wand zu fahren, ist beinahe übertrieben mustergültig.

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Zumindest gehört diese Attitüde des Scheiterns zu Iggys Inszenierung. Denn Jim Osterberg, dem eloquenten, charmanten, gebildeten und dabei auch noch blendend aussehenden Bildungsbürgersöhnchen aus Ann Arbor, haben die Lehrer eine glänzende Zukunft als Anwalt oder Politiker vorausgesagt. Aber dann dringt der Rock der frühen Jahre an sein Ohr, Duane Eddy, Chuck Berry, Bo Diddley. Und mit dem gleichen fast pathologischen Ehrgeiz, mit dem er Mitglied des Debattierclubs geworden ist, wirft er sich in die Pose des Rock’n’Roll-Outlaws.

Aus Jim wird Iggy. Und er schart ein paar hoffnungslose Fälle um sich, Plebejer, Randständige, die tatsächlich repräsentieren, was er für sich bloß in Anspruch nimmt. Die Stooges sind stumpf, brachial, primitiv, sie reduzieren den Rock’n’Roll auf das Elementare – und im Nachhinein lässt sich das sehr schön als Gegenentwurf zu den psychedelisch-arabesken Etüden der Hippies interpretieren. Zumal Iggys wütende, defätistische, ennuyante Texte auch mit dem gerade angesagten "Love & Peace"-Konsens brechen.

Dass hier überlegenes ästhetisches Kalkül im Spiel war, glauben aber wohl nur Trynka und vielleicht die mittlerweile von der Musikhistorie rehabilitierten, sich im Nachruhm zu Lebzeiten sonnenden Stooges selbst. Es bedarf nämlich schon eines gewissen apologetischen Aufwands, das Gitarrenspiel des psychisch derangierten Grobmotorikers Ron Asheton als "intelligent und subtil" zu feiern. Nimmt es der Band denn irgendetwas von ihrem Nimbus, wenn man ihre Originalität und Innovationskraft auf das zurückführt, was sie zweifellos im Überfluss besaß: Frechheit und pure technische Unzulänglichkeit?

Leserkommentare
    • Arietta
    • 07. August 2008 20:27 Uhr

    Soll ich das Buch nun lesen oder nicht?Was der eine Autor anscheinend zu wenig hatte, haut uns der andere zu viel um die Ohren: ein bisschen weniger intellektuelle Sprachgewalt und manierierter Fremdwortgebrauch hätten der Rezension gut getan - sorry, das passt eher zu Brendel als zu Iggy. Nix für ungut, lieber Frank Schäfer.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Iggy Pop | Chuck Berry | Rock | Berlin | Los Angeles
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